IG Metall Autoindustrie Proteste: 175.000 Beschäftigte demonstrieren gegen Jobabbau
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 16:43 Uhr | dpa, AD HOC NEWSMit einem bundesweiten Aktionstag hat die IG Metall kurz vor Beginn der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie nach eigenen Angaben rund 175.000 Beschäftigte der Autoindustrie mobilisiert.
Proteste an 280 Standorten in Auto-Hochburgen und Regionen
An insgesamt rund 280 Orten zogen Beschäftigte vor die Zentralen großer Autobauer und die Werke zahlreicher Zulieferer. In den Autostädten Wolfsburg, Stuttgart, Ingolstadt und München, aber auch in vielen Regionen mit kleineren Standorten machten sie mit Trommeln, Trillerpfeifen, Bannern und Fahnen auf ihre Forderungen aufmerksam. Der Aktionstag richtete sich gegen Stellenabbau, drohende Werkschließungen und Forderungen nach längeren Arbeitszeiten. Das Motto lautete: „Zukunft statt Kahlschlag - Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke“.
Autoindustrie baut Stellen so schnell ab wie kein anderer Sektor
Die Proteste fallen in eine Phase, in der in der deutschen Autoindustrie Arbeitsplätze besonders schnell verschwinden. Zum Ende des ersten Halbjahres waren in einer der wichtigsten Branchen der deutschen Wirtschaft noch 691.500 Menschen beschäftigt – so wenig wie seit Beginn der vergleichbaren Statistik im Jahr 2005 nicht mehr. Parallel laufen umfangreiche Abbauprogramme, die sich über Jahre hinziehen und Zehntausende Beschäftigte treffen.
Betroffen sind unter anderem Beschäftigte bei Mercedes-Benz, BMW, im VW-Konzern und seinen Marken sowie bei Zulieferern wie Bosch, ZF Friedrichshafen, Aumovio und Mahle. Im Raum stehen auch Pläne, die VW-Werke in Hannover, Emden und Zwickau sowie den Audi-Standort Neckarsulm zu schließen.
Benner greift Automanager scharf an
IG-Metall-Chefin Christiane Benner warf den Vorständen der Autohersteller bei einem Auftritt in Wolfsburg schwere Fehler vor. Die deutschen Unternehmen hätten lange für hochwertige Fahrzeuge und Qualität gestanden, sagte sie laut Gewerkschaftsangaben. Nun würden Vorstände die Branche „mit Vollgas gegen die Wand“ fahren und sich anschließend aus der Verantwortung stehlen.
Benner forderte die Unternehmensspitzen auf, Verantwortung für das Autoland Deutschland, die Beschäftigten und die Arbeitsplätze zu übernehmen. Als Ausweg aus der Krise verlangt die IG Metall Investitionen in neue Produkte, Technologien und Standorte statt weiterem Personalabbau. Angriffe auf die 35-Stunden-Woche, bestehende Tarifverträge und die Mitbestimmung weist die Gewerkschaft zurück.
Forderungen an Politik und Arbeitgeberverband
Von der Politik verlangt Benner verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen, bezahlbare Energie und die Förderung eines „Made in EU“-Ansatzes. Außerdem fordert die IG Metall Schutz vor unfairem Wettbewerb, Finanzhilfen für Zulieferer beim Umbau sowie die Beibehaltung der Altersteilzeit-Regelungen.
Der Verband der Automobilindustrie hatte bereits vor dem Aktionstag mehr Veränderungsbereitschaft von Gewerkschaften und Beschäftigten eingefordert. Produktion in Deutschland sei kein Naturgesetz, schrieb VDA-Präsidentin Hildegard Müller in einem Gastbeitrag. Als Wettbewerbsnachteile nannte sie insbesondere hohe Arbeitskosten und kürzere Arbeitszeiten im Vergleich zu anderen Ländern.
Schwächeres Geschäft, Kostendruck und Gewinnrückgänge
Die aktuelle Lage der Autoindustrie erklären Branchenanalysen mit mehreren Belastungsfaktoren. Im wichtigsten Auslandsmarkt China sitzen die Kundinnen und Kunden beim Geldausgeben nicht mehr so locker, zugleich verschärfen einheimische und junge Hersteller den Preiskampf. Hinzu kommen US-Zölle und ein langsamerer Hochlauf der Elektromobilität als erwartet. Viele Hersteller und Zulieferer verzeichneten zuletzt Gewinneinbrüche und reagierten mit Sparprogrammen.
Nach einer Untersuchung der Beratungsgesellschaft EY lagen Umsatz und operativer Gewinn der deutschen Autobauer im ersten Halbjahr zwar weiterhin über denen vieler internationaler Konkurrenten. Allerdings fiel der Umsatz der Konzerne VW, BMW und Mercedes in Summe um 2,9 Prozent auf rund 284 Milliarden Euro, während die 19 weltweit größten Autokonzerne ihren Umsatz insgesamt steigerten.
EY-Experte sieht Standortvorteil in Belastung verwandelt
Der operative Gewinn der deutschen Hersteller sank demnach um 19 Prozent auf 13 Milliarden Euro und erreichte damit den niedrigsten Stand seit dem Pandemie-Jahr 2020. EY-Branchenexperte Constantin Gall führte dies auf strukturelle Kostennachteile zurück. Der traditionell hohe Produktionsanteil in Deutschland sei angesichts geringer Lohnkostenproduktivität, hoher Energiepreise und umfangreicher Regulierung zu einer Belastung geworden, erklärte er.
Gall zufolge werden notwendige Veränderungen in Deutschland nicht konsequent umgesetzt. Die Konzerne suchten deshalb zunehmend ihr Heil an Standorten mit besseren Rahmenbedingungen. Alle Beteiligten müssten nach seiner Einschätzung die strukturellen Nachteile des Standorts zügig angehen.
Tarifrunde startet im Oktober, Warnstreiks möglich
Der Vorstand der IG Metall will seine Tarifforderung nach Abstimmung mit den regionalen Tarifkommissionen an diesem Mittwoch festlegen. Die ersten Verhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden sind ab dem 7. Oktober geplant. Die aktuellen Tarifverträge laufen zum 31. Oktober aus – danach sind Warnstreiks möglich.
Die Flächentarifverträge der Metall- und Elektroindustrie regeln die Arbeitsbedingungen von rund 3,7 Millionen Beschäftigten. Neben der Autoindustrie sind auch Maschinenbau, Metallbearbeitung, Elektrotechnik und der sonstige Fahrzeugbau wichtige Bereiche. Für die Beschäftigten der Volkswagen AG gilt ein eigener Haustarifvertrag, der zum Jahresende ausläuft und separat verhandelt wird.
Strukturwandel in der Schlüsselbranche Auto
Die IG-Metall-Aktion mit rund 175.000 Teilnehmenden markiert eine neue Eskalationsstufe im Konflikt um den Umbau der deutschen Autoindustrie. Die Branche steht unter gleichzeitigen Belastungen: einem schwächeren China-Geschäft, einem harten Preiskampf mit neuen Wettbewerbern und einem schleppenden Hochlauf der E-Mobilität. Viele Hersteller reagieren mit Sparprogrammen und Personalabbau, was sich direkt in historisch niedriger Beschäftigung niederschlägt. Für Beschäftigte geht es nicht nur um einzelne Standorte, sondern um die Frage, ob Deutschland weiterhin Leitmarkt und Leitproduktionsstandort für Autos bleibt.
Konfliktlinien: Standortkosten, Arbeitszeit und Investitionen
Auf der einen Seite fordert die IG Metall Garantien für Werke, Investitionen in neue Technologien sowie den Schutz von Errungenschaften wie der 35-Stunden-Woche. Auf der anderen Seite verweist der Branchenverband der Automobilindustrie auf hohe Arbeitskosten, kürzere Arbeitszeiten und regulatorische Belastungen im internationalen Vergleich. Damit prallen zwei Deutungen der Krise aufeinander: Die Gewerkschaft sieht Managementfehler und fehlende Zukunftsinvestitionen, die Industrie betont strukturelle Kostennachteile und fordert mehr „Veränderungsbereitschaft“ bei Beschäftigten und Tarifparteien. Der aktuelle Aktionstag macht diese Konfliktlinien sichtbar, ohne dass ein Ausgleich absehbar wäre.
Bedeutung für Tarifrunde und Beschäftigte
Die Proteste sind zugleich ein machtpolitisches Signal vor Beginn der Metall- und Elektro-Tarifrunde im Oktober. Mit dem Auslaufen der Tarifverträge zum 31. Oktober und möglichen Warnstreiks danach erhöht die IG Metall den Druck, sowohl auf Arbeitgeber als auch auf die Politik. Für die Beschäftigten in Autoindustrie und Zulieferern geht es um Lohnniveau, Arbeitszeit, Standortsicherheit und Mitsprache beim Umbau hin zu E-Mobilität und neuen Geschäftsmodellen. Je nachdem, ob Unternehmen stärker auf Verlagerung oder auf Modernisierung bestehender Werke setzen, könnten die Entscheidungen dieser Monate langfristig über Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Deutschland entscheiden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Städte kämpfen um Automobil-Jobs: IG Metall ruft VW, MAN und Bosch zu Protesten auf“ (21.09.2026)
Der Bericht stelle heraus, dass die IG Metall bundesweit an rund 280 Standorten zu Aktionen aufgerufen habe und besonders Hannover, Wolfsburg und weitere niedersächsische Autostandorte im Fokus stünden. Der Artikel betone, die Gewerkschaft fordere Zukunftsgarantien für Werke, den Erhalt der 35-Stunden-Woche sowie wettbewerbsfähige Industriestrompreise und führe aus, dass sich Mitarbeitende großer Hersteller und Zulieferer geschlossen an den Protesten beteiligten.
deutschlandfunk.de: „Autobranche: IG Metall ruft zu bundesweitem Aktionstag auf“ (21.09.2026)
Der Bericht hebe hervor, dass die Gewerkschaft den Aktionstag als Reaktion auf einen „beispiellosen Angriff“ auf die Beschäftigten interpretiere und neben Investitionen in Batteriefertigung und autonomes Fahren auch eine Ausweitung von Zöllen auf Autos aus China fordere. Zugleich werde beschrieben, dass erste Warnstreiks nach Auslaufen der Entgelttarifverträge Ende Oktober möglich seien und die Tarifrunde in Baden-Württemberg eine zentrale Rolle spiele.
n-tv.de: „EY-Analyse: VW, Mercedes, BMW verlieren bei Umsatz und Gewinn“ (20.09.2026)
Der Artikel ordne die Proteste in den Kontext einer Analyse sinkender Umsätze und Gewinne der großen deutschen Autokonzerne ein und berichte, die IG Metall mache an gut 200 Orten mobil. Gleichzeitig werde dargestellt, dass Jobabbauprogramme bereits laufen, Zehntausende Stellen betroffen seien und Unternehmen laut EY-Experten wegen hoher Kosten verstärkt über Produktionsverlagerungen nachdenken.
Übergreifend werde in den Berichten übereinstimmend geschildert, dass der Aktionstag als Signal gegen Stellenabbau und für Zukunftsinvestitionen verstanden werde, während sich die Schwerpunkte in der Bewertung der Ursachen und der Rolle von Kosten, Handelspolitik und Managemententscheidungen unterscheiden.
