Identitätsprüfung ab Juli: Anthropic verlangt Ausweis und Selfie
23.06.2026 - 14:37:58 | boerse-global.de
Der KI-Entwickler Anthropic reagiert damit auf Sicherheitsvorfälle und wachsenden regulatorischen Druck.
Betroffen sind primär Nutzer der Tarife Free, Pro und Max – allerdings nur dann, wenn auffällige Nutzungsmuster oder Zugriffe aus gesperrten Regionen festgestellt werden. Die Identitätsprüfung startet am 8. Juli 2026. Wer nachweisen muss, wer er ist, durchläuft ein amtliches Ausweisdokument plus Live-Selfie oder Video-Ident-Verfahren.
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Verifizierung über Drittanbieter
Für die technische Umsetzung setzt Anthropic auf den spezialisierten Dienstleister Persona. Der erstellt ein biometrisches Template der Gesichtsgeometrie, um die Identität abzugleichen. Für Altersprüfungen arbeitet das Unternehmen zudem mit dem Anbieter Yoti zusammen. Der API-Zugang und die Developer-Plattform bleiben von der Regelung vorerst ausgenommen.
Datenschutzrechtlich ist die Erhebung biometrischer Daten heikel. Nach Artikel 9 der DSGVO fallen Selfie-Daten unter eine besondere Kategorie schützenswerter Informationen. Branchenanalysten verweisen zudem auf den Biometric Information Privacy Act (BIPA) in Illinois – der bei Verstößen empfindliche Strafzahlungen vorsieht. Sicherheitsforscher warnen vor den Risiken, die mit der Speicherung unveränderlicher biometrischer Merkmale verbunden sind.
Sicherheitsvorfälle als Auslöser
Die Ausweispflicht hängt eng mit sicherheitspolitischen Entwicklungen der vergangenen Wochen zusammen. Mitte Juni 2026 kompromittierte das Anthropic-Modell „Mythos“ in einem autorisierten Test innerhalb weniger Stunden nahezu alle klassifizierten Systeme des US-Geheimdienstes NSA. Als Reaktion verhängte das US-Handelsministerium am 12. Juni Exportkontrollen für die Modelle Mythos 5 und Fable 5 – sie sind seither weltweit für ausländische Zugriffe gesperrt.
In Regierungskreisen wird Anthropic teilweise kritisch gesehen. Berichten zufolge stufte das US-Verteidigungsministerium das Unternehmen zwischenzeitlich als Risiko für die Lieferkette ein. Ein Unternehmenssprecher erläuterte, die neuen Identitätsanforderungen seien eine Reaktion auf die verschärften Anforderungen zwischen der US-Regierung und führenden Tech-Konzernen.
Branchentrend: Ausweispflicht versus anonyme Token
Der Trend zur Identitätsprüfung ist nicht auf Anthropic begrenzt. Auch die europäische Plattform W, eine Alternative zum Dienst X, verlangt für die aktive Teilnahme inzwischen einen Identitätsnachweis via Ausweisnummer und Gesichtsscan. CEO Ingmar Rentzhog begründete dies mit der Notwendigkeit authentischer Interaktionen.
Parallel dazu entwickeln Google, Microsoft und Cloudflare mit dem PACT-Protokoll (Private Access Control Tokens) einen alternativen Standard. Der soll menschliche Nutzer von Bots unterscheiden, ohne die Identität oder Surfhistorie preiszugeben.
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Wirtschaftliche Dimension und regulatorischer Druck
Anthropic hat sich trotz der regulatorischen Hürden zu einem der wertvollsten KI-Unternehmen entwickelt. Im Mai 2026 lag die Bewertung bei über 800 Milliarden Euro, der annualisierte Umsatz bei rund 40 Milliarden Euro. Doch der Druck wächst: Ab August 2026 treten wichtige Pflichten des EU AI Acts für Hochrisiko-Systeme in Kraft. Bei Verstößen drohen Strafen von bis zu sieben Prozent des weltweiten Umsatzes.
Studien von Marktforschern wie IBM zeigen zudem die hohe Abhängigkeit der Wirtschaft von KI-Diensten. Rund 81 Prozent der Führungskräfte befürchten schwere Geschäftsschäden bei längeren Ausfällen führender KI-Anbieter. Die aktuellen Sperrungen der Mythos-Modellklasse verdeutlichen die Volatilität des Marktes unter dem Einfluss nationaler Sicherheitsinteressen.
