Hitzeschutz am Arbeitsplatz: RKI zählt 12.500 Todesfälle seit April
Veröffentlicht am: 15.08.2026 um 06:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das Robert Koch-Institut (RKI) hat Mitte August eine Schätzung vorgelegt, wonach es in Deutschland im Zeitraum vom 6. April bis zum 2. August 2026 bereits 12.500 hitzebedingte Todesfälle gegeben hat. Besonders betroffen sind ältere Menschen: Laut den Daten entfielen 11.280 der Sterbefälle auf die Gruppe der über 65-Jährigen.
Angesichts dieser Zahlen und erwarteter Temperaturen von bis zu 38 Grad rücken der bauliche Hitzeschutz in Gesundheitseinrichtungen sowie neue Anforderungen an den Arbeitsschutz in den Fokus von Politik und Wirtschaft.
Extreme Belastung für die Generation 85 Plus
Die Auswertungen des RKI verdeutlichen die gesundheitlichen Risiken extremer Wetterlagen für vulnerable Bevölkerungsgruppen. Die meisten Todesfälle wurden mit 6.300 Opfern in der Altersgruppe der über 85-Jährigen verzeichnet. Ein massiver Anstieg der Sterblichkeit war insbesondere während einer Hitzewelle Ende Juni zu beobachten, als allein in der Woche vom 22. bis zum 28. Juni bundesweit 9.600 Menschen verstarben.
Regional zeigen sich deutliche Unterschiede in der Hitzesterblichkeit. Während der bundesweite Durchschnitt bei 15 Todesfällen pro 100.000 Einwohner liegt, verzeichnete das Saarland mit 43,4 Fällen die höchste Quote, gefolgt von Rheinland-Pfalz mit 38,7 Fällen. Experten bezeichnen die vorliegenden Zahlen als konservative Schätzung.
Defizite bei der Infrastruktur in Kliniken und Heimen
Trotz der zunehmenden Hitzebelastung hinkt die technische Ausstattung in medizinischen Einrichtungen hinterher. Einer Umfrage aus dem vorletzten Jahr zufolge verfügten lediglich 38 Prozent der Krankenzimmer über Klimaanlagen.
Da die Bundesländer bislang keine verpflichtenden Installationen vorschreiben, variieren die Bemühungen regional. Nordrhein-Westfalen prüft derzeit ein Förderprogramm, während aus Rheinland-Pfalz von einer bisher geringen Nachfrage nach entsprechenden Hitzeschutzmaßnahmen berichtet wird.
Politisch wird die Forderung nach verbindlichen Standards lauter. Die SPD setzt sich in einem Hitzeschutzplan dafür ein, Klimaanlagen als Standard in Pflegeheimen, Krankenhäusern und Kindertagesstätten zu etablieren.
Zudem wird die Verankerung des Klimaschutzes im Grundgesetz sowie der Aufbau einer speziellen Einheit für Waldbrände vorgeschlagen. Der Städte- und Gemeindebund beziffert den Investitionsbedarf für einen effektiven kommunalen Hitzeschutz auf mindestens 20 Milliarden Euro.
Wirtschaftliche Folgen und neue Arbeitszeitmodelle
Hitzewellen belasten nicht nur das Gesundheitssystem, sondern auch die Produktivität der Wirtschaft. Schätzungen von Allianz Trade zufolge könnten die Kosten durch Hitzeereignisse bis zum Jahr 2030 auf 112 Milliarden Euro ansteigen. Die Analyse zeigt, dass die Arbeitsproduktivität ab einer Temperatur von 30 Grad Celsius pro weiterem Grad um 3 Prozent sinkt.
Vor diesem Hintergrund forderte Linken-Chef Jan van Aken eine drastische Anpassung der Arbeitszeiten. Ab einer Temperatur von 26 Grad im Betrieb solle die Arbeitszeit um 25 Prozent reduziert werden, ab 30 Grad müsse sie halbiert werden. Zudem schlug er verpflichtende Pausen von zehn Minuten pro Stunde ab 26 Grad vor, die sich bei 30 Grad auf alle 30 Minuten erhöhen sollten.
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Auch die Bereitstellung von kostenlosen Wasserspendern und Sonnencreme gehöre zur notwendigen Vorsorge. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) mahnte unterdessen branchenspezifische Lösungen an. Aktuell sieht die Arbeitsstättenverordnung vor, dass Arbeitgeber ab 26 Grad Maßnahmen prüfen müssen; ab 35 Grad gelten Räumlichkeiten ohne zusätzliche Schutzvorkehrungen als ungeeignet für die Arbeit.
Praxisbeispiele aus der Pflegebranche
In der stationären Pflege werden bereits vielfältige Konzepte erprobt. Im Katharinenstift Sinsheim, das seit zwei Jahren ein Hitzeschutzkonzept verfolgt, wird die Innenraumtemperatur auf maximal 25 Grad begrenzt. Zu den Maßnahmen gehören frühe Bewegungstherapien, Fußbäder und die Anpassung des Speiseplans.
Während Bewohnerinnen wie die 87-jährige Gudrun die Hitze als zermürbend beschreiben, berichten andere Einrichtungen von unterschiedlichen Messwerten. Im Altenzentrum St. Elisabeth in Rottweil wurden im Speiseraum privat Spitzenwerte von 29,7 Grad gemessen, während die offizielle Stiftungsmessung niedrigere Werte zwischen 24,2 und 26,5 Grad auswies.
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Einen technologischen Vorsprung zeigt das niederländische Pflegeheim Cederhof in Kapelle, wo alle 76 Wohnungen mit kühlenden Wärmepumpen ausgestattet sind, die die Innentemperatur konstant auf etwa 22 Grad halten.
In Deutschland investiert unterdessen die Stadt Ludwigshafen einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag aus Bundesmitteln in ein Hitzeschutzpaket, das unter anderem klimatisierte Räume in Kitas und die Verschattung öffentlicher Plätze vorsieht.
