Handwerksbetriebe: 40,35 Tage bis zum Zahlungseingang belasten die Liquidität
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 23:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deAusbleibende Kundenzahlungen entwickeln sich für viele Handwerksbetriebe zu einem ernsthaften Liquiditätsrisiko. Aktuelle Ratgeber greifen diese Problematik auf und zeigen auf, über welche rechtlichen und organisatorischen Instrumente Unternehmen ihre Buchhaltung sowie offene Forderungen absichern können.
Von den rund 564.000 Handwerksunternehmen, die 2024 in Deutschland gezählt wurden, zählen 99,5 Prozent zu den kleinen und mittleren Betrieben. Gerade für diese Betriebe stellen Zahlungsverzögerungen eine spürbare Belastung dar.
Zunehmende Zahlungsverzögerungen belasten die Liquidität
Die wirtschaftliche Lage im Handwerk zeigt ein gespaltenes Bild. Bei einer Umfrage der Handwerkskammer Cottbus im Herbst 2026 meldeten 77,2 Prozent der befragten Betriebe eine gute oder befriedigende Geschäftslage, gleichzeitig rechneten jedoch 28,3 Prozent mit einer Verschlechterung.
Bundesweit verschärft sich die Zahlungsmoral. Nach dem Creditreform Zahlungsindikator für den Sommer 2026 lag das durchschnittliche Zahlungsziel im B2B-Bereich bei 32,21 Tagen. Der tatsächliche Zahlungseingang erfolgte jedoch im Schnitt 8,14 Tage später, woraus sich eine gesamte Forderungslaufzeit von 40,35 Tagen ergab.
Die Auswertung basierte auf rund 4 Millionen überfälligen Rechnungen mit einem Volumen von 7,3 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2026 erreichte das durchschnittliche Zahlungsziel mit 32 Tagen den höchsten Wert seit 2019; zusammen mit rund 8 Tagen Verzug dauerte es über 40 Tage bis zum Zahlungseingang.
Säumige Zahler bringen die Liquidität gerade kleinerer Betriebe schnell in Gefahr – umso wichtiger ist ein rechtssicheres Vorgehen. Diese kostenlosen Mustervorlagen unterstützen Sie dabei, offene Rechnungen professionell und effektiv einzutreiben. 6 sofort einsetzbare Vorlagen für Ihr Mahnwesen herunterladen
Besonders im Baugewerbe zogen sich Zahlungen im ersten Quartal 2026 laut Creditreform durchschnittlich 15 Tage über das Fälligkeitsdatum hinaus, während der Schnitt über alle Unternehmensrechnungen bei 7,7 Tagen lag.
Auch branchenübergreifende Untersuchungen belegen das Problem. Die Zahlungserfahrungsstudie von Coface aus dem Zeitraum Juli bis August 2026 mit 503 Unternehmen ergab, dass 82 Prozent der deutschen Unternehmen länger auf ihr Geld warten als vereinbart – nach 59 Prozent im Jahr 2021 und 81 Prozent im Jahr 2025. Das Zahlungsmoralbarometer von Atradius für 2026 unter 210 Unternehmen verzeichnete bei 87 Prozent der Betriebe Zahlungsverzögerungen im B2B-Geschäft, während der westeuropäische Durchschnitt bei 77 Prozent lag. Jedes zehnte Unternehmen verzeichnete laut Atradius Forderungsausfälle von mehr als 5 Prozent aller B2B-Rechnungen.
Gesetzliche Regelungen für Verzug und Mängelansprüche
Betriebe können rechtliche Vorgaben nutzen, um Druck auf säumige Zahler auszuüben. Ein Firmenkunde gerät spätestens 30 Tage nach Fälligkeit und Zugang der Rechnung automatisch in Verzug, durch eine vorherige Mahnung auch früher.
Warum viele Mahnschreiben wirkungslos bleiben, liegt oft an veralteten Formulierungen oder fehlenden juristischen Details. Dieser Ratgeber enthüllt die besten Strategien, wie Sie säumige Zahler zum Handeln bewegen und Ihr Geld schneller zurückerhalten. Experten-Tipps für ein wirkungsvolles Mahnwesen gratis sichern
Nach § 288 BGB fallen bei Verzug Zinsen an: Im Geschäftsverkehr liegen diese bei 9 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz, gegenüber Verbrauchern bei 5 Prozentpunkten. Bei Nicht-Verbrauchern kann zusätzlich eine Pauschale von 40 Euro erhoben werden.
Rügen Kunden Mängel, greift § 641 Abs. 3 BGB: Für die Beseitigung eines Mangels darf der Auftraggeber die Zahlung eines angemessenen Teils des Werklohns verweigern, in der Regel das Doppelte der voraussichtlichen Beseitigungskosten.
Digitalisierung und Inkasso zur Forderungssicherung
Neben einem konsequenten Mahnwesen setzen Unternehmen zunehmend auf automatisierte Prozesse. Am 3. November 2026 gaben easybill und Debtist eine Verknüpfung von Rechnungsstellung und Mahnwesen bekannt. Die Funktion steht Kunden von easybill zur Verfügung; bis Jahresende ist eine tiefere API-Anbindung geplant, gefolgt von einer Expansion in weitere europäische Länder.
Als Datengrundlage dient die E-Rechnung nach der Norm EN 16931 in den Formaten XRechnung und ZUGFeRD. Laut der PwC-Studie „Managed Accounting & Reporting Services 2026“ unter 100 Führungskräften aus dem Finanz- und Rechnungswesen können auch kleinere Betriebe durch klare Abläufe, Automatisierung und KI-Einsatz deutliche Fortschritte erzielen.
Bleiben Mahnungen erfolglos, können gewerbliche Dienstleister hinzugezogen werden. Inkassodienstleistungen dürfen in Deutschland nur mit einer entsprechenden Registrierung nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz im Rechtsdienstleistungsregister erbracht werden.
Nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) werden 90 Prozent der bearbeiteten Forderungen außergerichtlich realisiert. Für diese Dienstleistungen nicht titulierter Forderungen gilt das Rechtsanwaltsvergütungsgesetz.
Über Inkassounternehmen fließen jährlich mehr als 5 Milliarden Euro in den Wirtschaftskreislauf zurück. BDIU-Präsidentin Kirsten Pedd verwies darauf, dass unbezahlte Rechnungen letztlich die Preise für alle Marktteilnehmer nach oben treiben.
