Handelskrise mit China: Deutsche Exporte fallen um 9,7 Prozent
27.05.2026 - 06:30:17 | boerse-global.deBundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche ist am Mittwoch zu einem zweitägigen Besuch in Peking eingetroffen, um die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen auf eine stabilere Grundlage zu stellen. Begleitet wird die Ministerin von einer hochkarätigen Delegation mit 35 Wirtschaftsführern, darunter die Vorstandsvorsitzenden von BASF und Thyssenkrupp.
Kampf um fairen Marktzugang
Bei ihren Gesprächen mit hochrangigen chinesischen Vertretern forderte Reiche mehr Reziprozität im bilateralen Handel. „Wir erwarten denselben Marktzugang für deutsche Unternehmen in China, den chinesische Firmen in Europa genießen", machte die Ministerin deutlich. Sie traf unter anderem mit Vize-Wirtschaftsminister Zhou Haibing von der Nationalen Entwicklungs- und Reformkommission zusammen. Weitere Treffen mit Handelsminister Wang Wentao und Vize-Premier He Lifeng standen ebenfalls auf dem Programm.
Die Gespräche drehten sich um zentrale Themen wie Energiesicherheit, Lieferkettenstabilität und den wachsenden Strombedarf durch Künstliche Intelligenz. Der Besuch ist die logische Fortsetzung des Treffens von Bundeskanzler Friedrich Merz mit Präsident Xi Jinping Ende Februar, das die politische Grundlage für die nun folgenden Detailverhandlungen legte.
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Handelsbilanz gerät aus dem Gleichgewicht
Die wirtschaftlichen Hintergründe der Mission sind alarmierend. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und China erreichte 2025 zwar rund 250 Milliarden Euro, doch die Schere zwischen Importen und Exporten öffnet sich dramatisch. Die deutschen Einfuhren aus China stiegen auf 170,6 Milliarden Euro – ein Plus von 8,8 Prozent. Gleichzeitig brachen die deutschen Exporte nach China um 9,7 Prozent auf 81,3 Milliarden Euro ein.
Reiche verwies auf Chinas gewaltigen Handelsüberschuss von rund 1,2 Billionen Euro als Beleg für strukturelle Schieflagen. „Für nachhaltige Wirtschaftsbeziehungen brauchen wir einen ausgeglicheneren Handel", so die Ministerin.
Studie offenbart gefährliche Abhängigkeiten
Erst am Dienstag veröffentlichte die Friedrich-Naumann-Stiftung eine Studie, die die Dringlichkeit von Reiches Mission unterstreicht. Die Abhängigkeit Deutschlands von strategisch wichtigen Importen aus China hat sich demnach in den vergangenen Jahren massiv verschärft.
Besonders alarmierend sind die Zahlen für die Energiewende: Der Anteil chinesischer Importe bei Lithium-Ionen-Batterien stieg auf rund zwei Drittel des Marktes – vor zwei Jahren lag er noch bei etwa 50 Prozent. Bei Solarmodulen kommt inzwischen fast jedes zweite deutsche Modul aus China, der Anteil kletterte auf 93 Prozent.
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Auch im Gesundheitssektor schlägt die Abhängigkeit durch: Antibiotika-Importe aus China machen mittlerweile 73 Prozent des deutschen Marktes aus, ein Anstieg von gut 65 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Hinzu kommt die nahezu vollständige Abhängigkeit bei bestimmten Seltenen Erden sowie steigende Importanteile bei Magnesium, Gallium und Germanium.
Europäischer Rahmen als neues Spielfeld
Die Reise findet vor dem Hintergrund eines sich verändernden europäischen Politikrahmens statt. Die EU-Kommission hat jüngst den Industrial Accelerator Act auf den Weg gebracht, der ausländische Investitionen in strategischen Sektoren reguliert. Das Gesetz soll verhindern, dass Investitionen – insbesondere aus China – die europäische Wirtschaftssicherheit untergraben.
Reiche muss daher einen schwierigen Spagat meistern: Sie vertritt die Interessen der 35-köpfigen Wirtschaftsdelegation, muss aber gleichzeitig die neue europäische Linie mittragen. Ihr Ziel ist nicht einfach mehr Handel, sondern eine grundlegende Neujustierung der Beziehungen. Die Ministerin pocht auf Zugang zu Seltenen Erden und fairen Wettbewerb – ein klares Signal für eine Strategie des „De-Risking" ohne vollständige Entkopplung.
Nächste Station: Guangzhou
Nach den Gesprächen in Peking reist die Ministerin weiter nach Guangzhou, einem der wichtigsten Industriezentren Südchinas. Dort soll es um regionale Wirtschaftskooperation und die praktischen Herausforderungen deutscher Tochtergesellschaften vor Ort gehen.
Der Ausgang des zweitägigen Besuchs wird maßgeblich den Ton der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen für den Rest des Jahres bestimmen. Die strukturellen Realitäten – untermauert durch die alarmierenden Zahlen der Friedrich-Naumann-Studie – lassen jedoch erahnen: Der Weg zu einer echten „Neukalibrierung" bleibt steinig. Die wachsende Abhängigkeit bei Batterien und Solarkomponenten stellt Deutschlands Ziel größerer strategischer Autonomie vor eine gewaltige Herausforderung.
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