Handelsblatt-Chefredakteur, Innovationsstrategie

'Handelsblatt'-Chefredakteur für Innovationsstrategie aus Kanzleramt

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 06:39 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

"Handelsblatt"-Chefredakteur Sebastian Matthes sieht in der Innovationspolitik der Bundesregierung zu viel Stückwerk und zu wenig Koordination.

"Innovationspolitik müsste über alle Ministerien hinweg betrieben und im Kanzleramt koordiniert werden", sagte Matthes im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Richtig sei, dass die Hightech-Agenda des Forschungsministeriums wichtige Punkte enthalte. "Sie bleibt aber die Strategie eines Ministeriums", sagte Matthes.

Die Zukunft habe in Deutschland auch kommunikativ eine schlechte Lobby: "Die Bundesregierung verkauft Zukunft oft als Verlustprojekt: Die Menschen sollen länger arbeiten, später in Rente gehen, mehr vorsorgen. Niemand sagt ihnen, wofür genau."

Besser mache das etwa der kanadische Premierminister Mark Carney, der seinen Landsleuten ebenfalls harte Einschnitte zumute, sagte Matthes. Carney beschreibe den Umbau als eine Art "Nation Building": "Wir werden als Wirtschaftsnation unabhängiger und stärker - so die Botschaft. Reformen brauchen ein Ziel, für das sie sich lohnen. Die Bundesregierung hat keines formuliert."

Kein Hightech-Zentrum zufällig entstanden

Matthes führt das "Handelsblatt" seit fünf Jahren als Chefredakteur. In dieser Zeit hat er der Wirtschaftszeitung ein technologieaffines Profil gegeben: Das Handelsblatt richtet seit 2025 eine eigene Tech-Konferenz aus und hat sein Technologie-Team ausgebaut. Am 1. Oktober 2026 erscheint Matthes' erstes Buch "Inside 2029".

Darin versucht der Journalist und Tech-Experte, Gründe für die Versäumnisse der jetzigen Koalition und früheren Bundesregierungen aufzuarbeiten, warum der Wirtschaftsstandort Deutschland an Innovationsfähigkeit verloren hat - und Lösungswege aufzuzeigen.

Dafür bereiste Matthes Hightech-Zentren wie Boston, Shenzhen und Bangalore: "Keines davon ist zufällig entstanden. Überall haben Wirtschaftspolitiker, Wissenschaftler und Unternehmer langfristige Strategien entwickelt", sagte Matthes im Gespräch. "Mit der richtigen Politik kann also in wenigen Jahrzehnten ein globaler Innovationsmagnet entstehen."

Dafür sollte der Staat bei riskanten Technologien stärker als früher als Auftraggeber auftreten und die Finanzmarktregeln so verändern, dass viel mehr Geld aus Europa in junge Technologiefirmen fließen könnte, sagte Matthes. Deutschland habe dafür mit der Agentur für Sprunginnovationen ein Instrument, "allerdings mit einem Bruchteil der finanziellen Möglichkeiten seines amerikanischen Vorbilds DARPA".

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