GKV-Reform: Zuzahlungen steigen, Homöopathie fällt weg
Veröffentlicht am: 31.07.2026 um 08:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das neue GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist seit dem 29. Juli 2026 in Kraft. Die Bundesregierung will damit rund 19 Milliarden Euro einsparen – doch Wohlfahrtsverbände und Ärzte schlagen Alarm.
Höhere Zuzahlungen, gestrichene Homöopathie
Das Gesetz trifft Versicherte direkt: Für verschreibungspflichtige Medikamente steigen die Zuzahlungen auf einen Korridor zwischen 7,50 und 15 Euro. Die Homöopathie wird komplett aus dem Leistungskatalog der Kassen gestrichen. Apotheken müssen sich ab dem kommenden Jahr auf einen höheren Kassenabschlag von 2,07 Euro pro Packung einstellen.
Ein weiterer Eckpfeiler der Reform von Gesundheitsminister Carsten Linnemann: die Einschränkung der beitragsfreien Mitversicherung für Ehepartner. Ab 2028 sollen 2,5 Prozent Zuschlag auf die beitragspflichtigen Einnahmen fällig werden. Schätzungsweise 2,46 Millionen Haushalte wären betroffen – Ausnahmen gibt es nur für Kinder, Rentner und pflegende Angehörige. Bis 2030 erhofft sich der Bund davon Entlastungen von bis zu 38,1 Milliarden Euro.
AWO: Tarifsteigerungen nur noch halb finanziert
Scharfe Kritik kommt von der Arbeiterwohlfahrt. Das Gesetz erkennt Tarifsteigerungen in der Vorsorge, Rehabilitation und häuslichen Krankenpflege künftig nur noch zu 50 Prozent als wirtschaftlich an – und damit refinanzierbar. AWO-Präsidentin Kathrin Sonnenholzner spricht von einer einseitigen Konsolidierung zulasten von Beschäftigten und Versicherten.
Der Verband fordert eine vollständige Refinanzierung der tariflichen Kostensteigerungen. Sonst drohe eine Schwächung der betroffenen Sektoren, weil Einrichtungen steigende Lohnkosten nicht mehr decken könnten. Zusätzlich kritisiert die Wohlfahrtspflege das ebenfalls debattierte Pflegeneuordnungsgesetz: Vorgesehene Leistungskürzungen und höhere Hürden für die Pflegegrade 2 und 3 schafften weitere soziale Belastungen.
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Ärzte warnen vor Ende der Bedarfsversorgung
Die Kassenärztlichen Vereinigungen reagieren alarmiert. Andreas Bartels vom Vorstand der KV Rheinland-Pfalz sieht einen Paradigmenwechsel: Die medizinische Versorgung werde künftig nicht mehr am tatsächlichen Bedarf ausgerichtet, sondern an der Kassenlage. Besonders kritisch: die Budgetierung von Haus- und Pflegeheimbesuchen sowie der Wegfall der telefonischen Krankschreibung.
Die Folgen wären massiv. In Rheinland-Pfalz rechnen Mediziner mit Honorarverlusten von jährlich rund 90 Millionen Euro. Bundesweit prognostizieren die KVen einen Rückgang von 46 Millionen Behandlungsfällen. Der finanzielle Druck zeige bereits erste Wirkung: Praxisübernahmen würden abgesagt, Investitionen verschoben – langfristig drohe ein Praxensterben. KBV-Chef Andreas Gassen warnte den Minister bereits: Niedergelassene Ärzte könnten vermehrt ihre Praxen aufgeben oder nur noch Privatpatienten behandeln.
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Pflegekassen vor Rekorddefizit
Trotz der Sparmaßnahmen bleibt der Druck auf das Sozialsystem hoch. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes zeigt: 88 Prozent der Deutschen rechnen bis 2027 mit weiteren Beitragssteigerungen. AOK-Chefin Carola Reimann hält Versprechen über stabile Beiträge angesichts prognostizierter Finanzlöcher von mehreren Milliarden Euro für wenig glaubhaft.
Besonders dramatisch ist die Lage in der Pflegeversicherung. Der BKK Dachverband erwartet bis Ende 2026 ein Rekorddefizit von bis zu 5,2 Milliarden Euro. Neben der demografischen Entwicklung belasten vor allem gestiegene Ausgaben für Kurzzeit- und Verhinderungspflege die Kassen. Experten fordern deshalb, dass der Bund versicherungsfremde Leistungen vollständig refinanziert – sonst drohe die nächste Beitragserhöhung schon bald.
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