GKV-Reform: Attestpflicht ab Tag eins – 30 Mio. Praxisbesuche drohen
Veröffentlicht: 07.07.2026 um 14:32 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Mehr als 60 Änderungen haben Union und SPD beschlossen. Die wichtigste Neuerung: Die telefonische Krankschreibung fällt weg.
Weniger Zuschuss-Kürzungen als geplant
Die Einigung vom 6. Juli sieht vor, die Kürzungen beim Bundeszuschuss zur GKV abzumildern. Statt der ursprünglich geplanten zwei Milliarden Euro sinkt der Zuschuss 2027 um 1,35 Milliarden Euro. 2028 sind es 1,55 Milliarden.
Zur Gegenfinanzierung bringt die Koalition eine neue Steuer auf zuckergesüßte Getränke ins Spiel. Sie soll 2027 rund 650 Millionen Euro einspielen, in den Folgejahren 450 Millionen Euro.
Gleichzeitig steigt der Bundeszuschuss für die Behandlung von Grundsicherungsempfängern. 2027 liegt er bei einer Milliarde Euro, bis 2031 klettert er auf 2,75 Milliarden Euro.
Attestpflicht ab dem ersten Tag
Der heikelste Punkt: Krankschreibungen per Telefon werden abgeschafft. Künftig gilt die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Bundeskanzler Merz begründet den Schritt mit dem hohen Krankenstand in Deutschland.
Der CDU-Arbeitnehmerflügel (CDA) und SPD-Vertreter fordern pragmatischere Lösungen. Ihr Vorschlag: Betriebe sollen per Vereinbarung selbst entscheiden dürfen, ob sie ein Attest verlangen.
Die Reaktionen der Ärzteverbände fallen vernichtend aus. Der Hausärzteverband spricht von „Symbolpolitik". Nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankschreibungen erfolgten telefonisch. Stattdessen fordert der Verband ein härteres Vorgehen gegen Online-Plattformen mit Videosprechstunden.
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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet mit mindestens 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr. Der MEDIVERBUND und die KV Sachsen warnen vor vollen Wartezimmern und höherem Infektionsrisiko.
Sind die Maßnahmen überhaupt wirksam?
Eine Analyse des BKK Dachverbands vom 7. Juli stellt den Reformansatz infrage. Nicht kurze Erkrankungen treiben die Kosten – sondern Langzeitfälle. Das Krankengeld ab dem 43. Krankheitstag verursachte Kosten von 21,6 Milliarden Euro.
Psychische Erkrankungen machen zwar nur 5,4 Prozent der Krankschreibungen aus. Dafür führen sie im Schnitt zu über fünf Wochen Ausfallzeit. Der allgemeine Krankenstand lag 2025 stabil bei 6,1 Prozent.
Experten weisen darauf hin: Der Anstieg der dokumentierten Krankentage seit 2016 liegt teilweise an der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Sie erfasst die Daten lückenloser als zuvor.
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Grüne kritisieren Nacht-und-Nebel-Aktion
Auch das Verfahren sorgt für Ärger. Die über 60 Änderungsanträge seien erst kurz vor Mitternacht am Sonntag eingegangen, bemängelt die Grünen-Fraktion. Ihre parlamentarische Geschäftsführerin Mihalic fordert eine öffentliche Debatte im Bundestag.
Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt erklärt am 7. Juli: Die Änderungen blieben hinter den notwendigen Erfordernissen zurück. Er fordert eine vollständige Finanzierung versicherungsfremder Leistungen durch den Bund. Die ambulante Versorgung verbessere sich durch die Pläne nicht.
Der Zeitplan sieht die Beratung im Gesundheitsausschuss am 8. Juli vor. Die Verabschiedung im Bundestag ist für den 9. oder 10. Juli geplant. Der Bundesrat könnte am 10. Juli abschließend abstimmen.
Trotz der angekündigten Einsparungen bleibt eine Finanzierungslücke von rund 18,8 Milliarden Euro im GKV-System.
