GKV-Reform: Arztpraxen drohen Umsatzverluste bis 50.000 Euro
26.06.2026 - 17:18:23 | boerse-global.de
Während Berufsverbände vor massiven Honorarkürzungen und schlechterer Patientenversorgung warnen, fordern die Kassen angesichts steigender Defizite noch schärfere Sparmaßnahmen. Der Streit eskaliert.
Honorarkürzungen treffen Praxen hart
Der Virchowbund schlug heute Alarm. Nach Berechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) drohen Arztpraxen Umsatzverluste von bis zu 50.000 Euro pro Jahr. Besonders betroffen: größere fachärztliche Strukturen und Praxen mit hoher Versorgungslast.
Die wirtschaftliche Belastung werde zu Personalabbau, reduzierten Sprechstunden und einer Verknappung von Terminen führen, warnt der Verband. Bereits jeder zweite Praxisinhaber denke über Personalabbau nach – zehntausende Arbeitsplätze seien gefährdet.
Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband (HÄV) kritisierte in einer Anhörung die geplanten Regelungen scharf. Co-Bundesvorsitzender Dr. Markus Blumenthal-Beier bezeichnete den Wachstumsabschlag für die hausarztzentrierte Versorgung als „Versorgungsbremse“. Der Ausbau des Primärversorgungssystems werde gestoppt.
Streit um Kieferorthopädie und Zahnersatz
Ein weiterer Konfliktpunkt: die zahnärztliche Versorgung. Ab 2027 plant die Bundesregierung einen Facharztvorbehalt für Kieferorthopädie. Nur noch spezialisierte Fachzahnärzte dürften dann kieferorthopädische Eingriffe zu Lasten der GKV durchführen.
Das Problem: 2024 verfügten lediglich 3.825 der bundesweit knapp 104.000 Zahnärzte über diese Qualifikation. Die Bundeszahnärztekammer befürchtet regionale Unterversorgung und spricht von einem faktischen Berufsverbot.
Am Mittwoch signalisierte die Bundesregierung ein mögliches Einlenken. Es werde geprüft, ob auch andere Qualifikationen als gleichwertig anerkannt werden können – etwa in Sachsen-Anhalt, wo Versorgungslücken drohen. Das Einsparpotenzial: 30 Millionen Euro für 2027, 60 Millionen für die Folgejahre.
Zusätzlich sieht das Gesetz eine Senkung der Festzuschüsse für Zahnersatz vor – von 60 auf 50 Prozent. Auch die Bonusregelungen für regelmäßige Vorsorge werden von 75 auf 65 Prozent reduziert. Angesichts der seit 1988 nicht angehobenen Punktwerte in der Gebührenordnung für Zahnärzte hagelt es Kritik.
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Kassen verlangen härtere Einschnitte
Die Kostenträger sehen die Notwendigkeit der Sparmaßnahmen. Der GKV-Spitzenverband wies heute darauf hin: Die Leistungsausgaben stiegen im ersten Quartal um 8 Prozent. Besonders hohe Zuwächse gab es bei Kliniken (plus 9,4 Prozent) und Arztpraxen (plus 7,3 Prozent).
Verbandschef Oliver Blatt beziffert die Finanzierungslücke für 2027 auf 18,8 Milliarden Euro. Der aktuelle Gesetzentwurf sehe lediglich Deckungsmaßnahmen für 16,3 Milliarden vor. Er fordert eine Aufstockung des Sparpakets.
Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, spricht sich für einen Ausgaben-Anker aus. Da der Ausgabenzuwachs fast doppelt so hoch sei wie das Plus bei den Einnahmen, müssten auch Bund und Pharmaindustrie substanziell zur Stabilisierung beitragen.
Politischer Fahrplan und Widerstand
Bundeskanzler Friedrich Merz verteidigte das Sparpaket gestern als notwendigen Schritt. Es mache das Gesundheitssystem zukunftsfähig und verhindere Beitragserhöhungen. Gesundheitsministerin Nina Warken legte ein Paket vor, das neben Ausgabenbremsen in Praxen, Kliniken und Pharmabereich auch höhere Zuzahlungen und Einschränkungen bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern vorsieht.
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Kritik kommt aus den Ländern. Auf der 99. Gesundheitsministerkonferenz in Hannover forderten die Ländervertreter, die Sparpläne dürften die Versorgung nicht gefährden. Sollte das Gesetz in seiner jetzigen Form den Bundesrat passieren, droht die Anrufung des Vermittlungsausschusses.
Die Abstimmung im Bundestag ist für die Sitzungswoche zwischen dem 6. und 10. Juli geplant. Währenddessen versuchen regionale Akteure, eigene Akzente zu setzen: Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) fördert ab Juni die fachärztliche Weiterbildung in unterversorgten Gebieten mit monatlich 5.800 Euro – um dem drohenden Ärztemangel entgegenzuwirken.
