Gesundheitswesen, Beschäftigten

Gesundheitswesen: 29,5% der Beschäftigten krebserregenden Stoffen ausgesetzt

27.05.2026 - 16:13:36 | boerse-global.de

EU-Studie belegt hohe Belastung durch krebserregende Stoffe im Gesundheitssektor. Personalmangel und Finanzkrise verschärfen die Lage zusätzlich.

Gesundheitswesen: 29,5% der Beschäftigten krebserregenden Stoffen ausgesetzt - Foto: über boerse-global.de
Gesundheitswesen: 29,5% der Beschäftigten krebserregenden Stoffen ausgesetzt - Foto: über boerse-global.de

Fast ein Drittel aller Beschäftigten im Gesundheitswesen in Europa ist bei der Arbeit krebserregenden Stoffen ausgesetzt. Das zeigt eine umfassende Erhebung der EU-Arbeitsschutzagentur EU-OSHA, die am heutigen Mittwoch veröffentlicht wurde.

Die Studie, für die über 24.000 Beschäftigte in Finnland, Frankreich, Deutschland, Ungarn, Irland und Spanien befragt wurden, kommt zu einem alarmierenden Befund: Rund 29,5 Prozent der 21,6 Millionen Mitarbeiter in der Branche sind mindestens einem signifikanten Krebsrisiko ausgesetzt. Die Gesundheits- und Pflegebranche stellt damit elf Prozent des gesamten EU-Arbeitsmarktes – und birgt offenbar besondere Gefahren.

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Strahlung, Dieselabgase und Chemikalien im Klinikalltag

Die zwischen 2022 und 2023 erhobenen Daten zeigen ein vielschichtiges Risikobild. 7,8 Prozent der Beschäftigten sind gleich zwei oder mehr krebserregenden Faktoren ausgesetzt. Die häufigsten Gefahrenquellen: ionisierende Strahlung (7,4 Prozent), Dieselabgase (6,2 Prozent) und UV-Strahlung (6,1 Prozent). Auch Chemikalien wie Formaldehyd (5,2 Prozent) und Benzol (4,8 Prozent) bleiben ein ernstes Problem.

Besonders hohe Konzentrationen gefährlicher Substanzen finden Experten zufolge in Sterilisations- und Desinfektionsprozessen. Hier kommen Stoffe wie Formaldehyd und Ethylenoxid zum Einsatz. Zum Vergleich: EU-weit sind 47,3 Prozent aller Arbeitnehmer irgendeiner Krebsgefahr ausgesetzt. Doch die spezifischen Bedingungen in Kliniken – von der Diagnostik bis zur Sterilisation – schaffen ein konzentriertes Risikoprofil für medizinisches Personal.

Die Gesamtzahl der arbeitsbedingten Krebstodesfälle in der EU wird auf rund 100.000 pro Jahr geschätzt.

Personalmisere: Jede zweite Pflegekraft denkt an Kündigung

Zu den physischen Risiken kommt eine sich zuspitzende Personalkrise. Eine groß angelegte Studie des spanischen Gesundheitsministeriums und des Carlos-III-Instituts (ISCIII) zeigt: 39,6 Prozent der spanischen Pflegekräfte erwägen, den Beruf innerhalb der nächsten heute Jahren aufzugeben. Rund 17 Prozent wollen sogar innerhalb von zwei Jahren kündigen.

Die im Mai 2026 im „Journal of Nursing Management" veröffentlichte Studie identifiziert Jobinstabilität als Hauptgrund: 56,5 Prozent der Befragten nannten fehlende Sicherheit als Ursache ihrer Unzufriedenheit.

Ein direkter Zusammenhang zeigt sich zwischen wahrgenommener Patientensicherheit und Personalbindung. Pflegekräfte, die die Sicherheit ihrer Patienten als schlecht bewerteten, denken 81 Prozent häufiger ans Aufhören. Besonders dramatisch ist die Lage in Madrid, auf den Kanaren, in Galicien und auf den Balearen – hier ist die Wechselbereitschaft doppelt so hoch wie in Navarra. Ein alarmierendes Eingeständnis: 60 Prozent der befragten Pfleger gaben zu, notwendige Behandlungen wegen Zeitmangels auslassen zu müssen.

Streik in Lyon, Intensivstationen auf Kreta geschlossen

Die Misere ist kein spanisches Phänomen. In Lyon traten am Dienstag Strahlentherapie-Techniker des Centre Léon Bérard in den Streik – aus Protest gegen chronische Unterbesetzung. Gewerkschaftsvertreter berichten, dass nur 41 von 52 geplanten Stellen besetzt seien. Die Folge: längere Wartezeiten und die teilweise Schließung von Behandlungsgeräten.

Aus Griechenland werden kritische Personalengpässe in Krankenhäusern auf Kreta und den Ägäisinseln gemeldet. Dort blieben Intensivstationen ungenutzt oder mussten ihre Bettenkapazität reduzieren – weil Anästhesisten und Fachpfleger fehlen.

Pflegekasse in Deutschland tief in den roten Zahlen

Die beruflichen Risiken und der Personalmangel treffen auf eine prekäre Finanzlage vieler Gesundheitssysteme. Der GKV-Spitzenverband meldete für das erste Quartal 2026 ein Defizit der Pflegeversicherung von 667 Millionen Euro – trotz eines Darlehens von 800 Millionen Euro.

Die Prognosen für das Gesamtjahr 2026 sind düster: Ein Fehlbetrag von 4,2 Milliarden Euro wird erwartet, inklusive Bundesdarlehen. Bis Jahresende sinken die liquiden Mittel der Pflegekasse voraussichtlich auf 4,3 Milliarden Euro – fast vollständig durch Schulden belastet. Die Lücke dürfte sich rasant vergrößern: Für 2027 werden 7,5 Milliarden Euro Defizit prognostiziert, für 2028 sogar 15 Milliarden Euro. Die Politik erwägt Reformen: höhere Beitragshürden für bestimmte Pflegegrade und eine Erhöhung des Zusatzbeitrags für Kinderlose.

Italienische Pfleger verdienen deutlich unter OECD-Schnitt

Auch die Lohnentwicklung sorgt für Unmut. Der OECD-Bericht „Health at a Glance" vom November 2025 zeigt: Italienische Pflegekräfte verdienen im Schnitt umgerechnet rund 44.000 Euro pro Jahr – etwa 12.000 Euro unter dem OECD-Durchschnitt. Während Länder wie Litauen, Polen und Tschechien reale Lohnsteigerungen von bis zu elf Prozent jährlich verzeichnen, gehört Italien zu den wenigen OECD-Staaten, in denen die Gehälter im Gesundheitswesen unter dem nationalen Durchschnittseinkommen liegen.

Exoskelette als Hilfe – kein Ersatz für Personal

Könnte Technologie die körperliche Belastung mindern? Eine Studie der Universitätsmedizin Magdeburg vom Februar 2026 untersuchte den Einsatz passiver Exoskelette im Klinikalltag. Die Geräte können die körperliche Belastung beim Heben und Stützen von Patienten deutlich reduzieren. Allerdings hängt die Wirksamkeit stark vom individuellen Tragekomfort und der Integration in ergonomische Arbeitsabläufe ab. Die Forscher kommen zu dem Schluss: Exoskelette könnten sich wirtschaftlich lohnen, wenn sie nur wenige Krankheitstage verhindern – ersetzen könnten sie ausreichend Personal jedoch nicht.

In Italien hinken die strukturellen Investitionen hinterher. Berichten vom April zufolge waren nur 3,8 Prozent der geplanten neuen Gesundheitsstrukturen aus nationalen Wiederaufbaufonds vollständig in Betrieb.

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Pflegenotstand: Eine halbe Million Stellen bis 2034

Die Botschaft des International Council of Nurses (ICN) vom Mai 2026 ist deutlich: Strategische Investitionen in die Pflege sind nicht nur eine gesundheitliche Notwendigkeit, sondern eine Voraussetzung für wirtschaftliche Stabilität.

Der Deutsche Pflegerat prognostiziert einen Mangel von bis zu 500.000 Pflegekräften bis 2034. Die Diskussion über konkrete Maßnahmen läuft auf Hochtouren: strengere Vorschriften für den Umgang mit Gefahrstoffen, verbindliche Personaluntergrenzen und klarere Karrierewege für spezialisiertes Personal.

Doch die Zeit drängt. Wie die aktuellen Berichte aus Spanien und Frankreich zeigen, zieht sich ein wachsender Teil der Belegschaft zurück. Die Herausforderung für die Politik: die kurzfristige finanzielle Sanierung mit dem langfristigen Schutz derer zu vereinbaren, die täglich für unsere Gesundheit arbeiten.

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