Gesundheitswesen, Klinikkräfte

Gesundheitswesen: 176.000 Klinikkräfte sind ausschließlich mit Bürokratie befasst

Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 12:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fachleute kritisieren Fehlanreize, hohe Verwaltungslasten und Reformen, die Einsparungen durch Bürokratieabbau kaum berücksichtigen.

Deutsches Gesundheitssystem: Prävention und Versorgung unter Druck
Ein leerer, modern gestalteter Krankenhausflur mit minimalistischer Architektur und hellem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Im deutschen Gesundheitssystem geraten die Rahmenbedingungen für Prävention und Patientenversorgung zunehmend in die Kritik. Fachleute und Branchenberichte bemängeln strukturelle Defizite, da bestehende Mechanismen vorrangig Krankheiten statt Gesundheit belohnen. Zugleich binden engmaschige bürokratische Kontrollmechanismen in Kliniken, Praxen und Pflegeeinrichtungen erhebliche Ressourcen, die der eigentlichen Versorgung entzogen werden.

Fehlanreize in der Prävention und Budgetdruck auf Praxen

Der Bosch Health Campus forderte in einem Positionspapier eine Neuausrichtung der Prävention in Deutschland. Als Maßstab solle künftig der tatsächlich erzielte Gesundheitsgewinn gelten und nicht die reine Zahl abgerechneter medizinischer Leistungen. Hierfür müssten Prävention, Versorgung, Finanzierung sowie regionale Strukturen enger verzahnt werden.

Auch bei verhaltensbezogenen Maßnahmen stockt die Umsetzung: Während Bundesärztekammer-Präsident Dr. Klaus Reinhardt eine gestaffelte Abgabe auf zuckergesüßte Getränke als wirksames Instrument zur Konsumsenkung anmahnt, stoppte das Bundeskanzleramt am 1. Oktober 2026 einen entsprechenden Gesetzentwurf aus dem Bundesfinanzministerium vorerst als nicht mehrheitsfähig.

Gleichzeitig verschärft sich die finanzielle Lage der ambulanten Leistungserbringer. Der Unfallchirurg und Orthopäde Dr. Arian Derakhchan kritisierte das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz und verwies darauf, dass Arztpraxen zwar 97 Prozent der Arzt-Patienten-Kontakte erbringen, aber nur 15 bis 16 Prozent der Kosten verursachen.

Facharztpraxen drohten dadurch Einnahmeverluste von durchschnittlich rund 30.000 Euro pro Arzt und Jahr. Durch die seit 1992 bestehende Budgetierung seien bundesweit jährlich etwa 2,5 Milliarden Euro an Leistungen nicht vergütet worden.

Kritik an den Einsparungen äußerte auch Prof. Dr. Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum und Klinikum Neukölln in Berlin.

Obwohl Deutschland 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Gesundheit ausgebe, führe dies im OECD-Vergleich nicht zu einer höheren Lebenserwartung. Sie warnte vor geplanten Kürzungen bei gynäkologischer Vorsorge sowie Impfungen und verwies auf eine Deckelung bei der Schwangerenvorsorge.

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Enormer Dokumentationsaufwand und Belastungen in der Pflege

Neben finanziellen Fehlanreizen lähmen administrative Pflichten das System. Nach Angaben von Gerald Gaß, Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, sind rund 176.000 Vollzeitkräfte in deutschen Kliniken ausschließlich mit Bürokratie befasst.

Eine Umfrage des Deutschen Krankenhaus-Instituts ergab zudem, dass bundesweit etwa 4.000 Vollkräfte mit der Bearbeitung von Prüfungen durch den Medizinischen Dienst gebunden sind, was Personalkosten von rund 245 Millionen Euro verursacht.

In den Pflegeeinrichtungen zeigt sich ein ähnliches Bild. Bernd Meurer, Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste, berichtete von multiplen Kontrollen durch diverse Prüfinstanzen. Laut einer Verbandsumfrage verbringen Pflegekräfte jährlich rund 2,4 Millionen Arbeitsstunden allein mit dem Transport und der Organisation von Krankenkassenkarten.

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Auch Heilmittelpraxen sind stark betroffen: Laut dem Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten ist etwa jede vierte ärztliche Verordnung fehlerhaft, was zu einem jährlichen Korrekturaufwand von rund 812.500 Arbeitsstunden führt. Ute Repschläger, Vorstandsvorsitzende des Verbands, bezeichnete die bürokratischen Hürden als größten Zeitverlust im Praxisalltag.

Fehlende Gesamtstrategie bei aktuellen Reformen

Dass die Politik den strukturellen Kern oft verfehle, monieren auch Wissenschaftler. Nachdem das Bundeskabinett am 30. September 2026 den Entwurf zum Pflegeneuordnungsgesetz beschlossen hatte, kritisierte David Matusiewicz, Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule, das Gesetzesvorhaben.

Die Reform setze primär an der Einnahmenseite an, anstatt das Einsparpotenzial durch Bürokratieabbau, Digitalisierung und neue Pflegemodelle zu heben. Prof. Dr. Boris Augurzky vom RWI – Leibniz-Institut mahnte vor diesem Hintergrund eine stärkere Ergebnisorientierung anstelle bürokratischer Detailvorgaben an, um die Betriebskosten der Versorgungsträger nachhaltig zu dämpfen.

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