Gefahrguttransporte: 70.000 Fahrer-Stellen unbesetzt
26.05.2026 - 09:12:10 | boerse-global.deDie deutsche Logistikbranche steckt in einer Zwickmühle: Während die Industrie wieder wächst, fehlen immer mehr qualifizierte Fahrer – besonders für Gefahrguttransporte. Rund 70.000 Stellen waren 2024 unbesetzt, und die Lücke wird größer.
Zwei schwere Unfälle zeigen die Risiken
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Erst vergangenen Freitag kippte bei Gladbeck ein Schwerlasttransporter mit 25.000 Litern Acrylsäure um. Die Bergung des hochgefährlichen Chemikalientransports dauerte 21 Stunden, der Fahrer erlitt schwere Verletzungen. Nur zwei Tage später brannten in Itzehoe in einem Recyclingbetrieb Container mit Altbatterien – eine dichte Rauchwolke zog über die Stadt.
Solche Vorfälle machen deutlich: Gefahrguttransporte erfordern hochspezialisiertes Personal. Die Nachfrage nach Fahrern mit ADR-Schein – der Zusatzqualifikation für Gefahrgut – ist enorm.
Prämien und Festanstellungen als Lockmittel
Am Montag schrieb die Firma REICHHART Logistics gleich mehrere Stellen für den internationalen Fernverkehr aus – mit Standorten in Leipzig, Wermsdorf und Frankfurt. Voraussetzung: CE-Führerschein, Modul 95 und der ADR-Schein. Als Anreiz locken unbefristete Verträge und monatliche Prämien von bis zu 300 Euro.
Die Dringlichkeit zeigt sich auch in regionalen Zahlen. Im Landkreis Fürstenfeldbruck waren vergangene Woche 98 Lkw-Fahrer-Stellen offen. Unternehmen wie REMONDIS und Toi Toi & Dixi suchen händeringend Personal. Auch in Aschaffenburg rufen Meyer Logistik und BayWa nach Fahrern für Nah- und Fernverkehr.
Industrie wächst – Jobs verschwinden
Ein Paradoxon prägt die Lage: Die deutsche Industrie verzeichnete im ersten Quartal 2026 ein Umsatzplus von 1,7 Prozent auf 531 Milliarden Euro – das erste Wachstum nach zehn Quartalen mit Rückgängen. Besonders die Metallbranche legte zu: 18 Prozent mehr Umsatz, 28 Prozent mehr Exporte.
Doch dieser Aufschwung schafft keine Arbeitsplätze. Im Gegenteil: Laut einer am Montag veröffentlichten EY-Studie gingen im vergangenen Jahr 127.300 Industriearbeitsplätze verloren. Insgesamt beschäftigt die Branche nur noch 5,3 Millionen Menschen. Seit 2019 sind rund 341.500 Stellen verschwunden – etwa jeder 17. Job. Besonders hart traf es die Autoindustrie mit 125.800 verlorenen Stellen seit 2019, davon 32.000 allein im letzten Jahr.
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Für die Logistik bedeutet das: Weniger Menschen produzieren, aber die exportierte Warenmenge bleibt hoch. Die Güter müssen trotzdem transportiert werden – und das oft unter gefährlichen Bedingungen.
Rekrutierung aus Übersee: Philippinische Fahrer in Chemnitz
Einige Speditionen gehen neue Wege. Die Chemnitzer Firma ACS Spedition hat drei Fahrer von den Philippinen integriert: John Aquino, Fhynz Manlugon und Franch Valdueza. Das Unternehmen kümmerte sich um Aufenthaltsgenehmigungen, Wohnungen und Behördengänge. Trotz ihrer Erfahrung müssen die Fahrer in Deutschland die Prüfungen wiederholen und Deutsch lernen – mindestens Niveau B1. Die Chemnitzer Arbeitsagentur unterstützt das Projekt. Läuft die erste Phase erfolgreich, will ACS das Modell ausweiten.
Digitaler Stillstand bei der Fahrerausbildung
Dabei könnte eine einfache Lösung helfen: digitale Schulungen. Die EU erlaubt seit 2018, bis zu 12 der 35 Pflichtstunden online zu absolvieren. Doch Deutschland hinkt hinterher. Zwar wurde 2026 das Berufskraftfahrer-Qualifikationsgesetz geändert, um mehr Flexibilität zu ermöglichen – die nötige Verordnung fehlt jedoch. Ein typischer Reformstau, der die Branche frustriert.
Auf dem 20. Nationalen Straßengüterverkehrskongress in Gijón am Wochenende schlugen Experten Alarm. Rund neun Prozent der aktuellen Fahrer stünden kurz vor der Rente, warnte Direktorin Elena Atance. 700 Unternehmer forderten, den Beruf offiziell als „schwer besetzbar" einzustufen. Vorschläge: beschleunigte Online-Kurse und einfachere Rekrutierung aus Nicht-EU-Ländern.
Infrastruktur-Engpässe verschärfen die Lage
Hinzu kommen infrastrukturelle Probleme. Erst am Freitag prallte auf der A2 bei Hannover ein Pkw in einen geparkten Sattelauflieger – der Fahrer wurde schwer verletzt. Und ab dem 5. Juni wird die A1 zwischen Ladbergen und Lengerich für ein ganzes Wochenende voll gesperrt. Ausweichrouten über A2 und A7 bedeuten längere Fahrzeiten und mehr Druck auf die Fahrer.
Ausblick: Steigende Kosten drohen
Die kommenden Monate werden richtungsweisend. Der Druck, offene Stellen zu besetzen – besonders mit ADR-Zertifikat – wird die Unternehmen zu aggressiveren Strategien zwingen. Internationale Anwerbung und umfassende Relocation-Pakete könnten zum Standard werden.
Gelingt die digitale Reform nicht bald, droht der Ausbildungsknoten zu platzen. Und klafft die Schere zwischen Industrieexporten und schrumpfendem Fahrerpool weiter auseinander, werden die Logistikkosten steigen – mit Folgen für die gesamte wirtschaftliche Erholung. Die EY-Experten warnen: Die strukturellen Veränderungen in der Belegschaft und die geopolitischen Risiken bleiben die größten Herausforderungen. Ob die Branche diese demografische und regulatorische Wende meistert, wird darüber entscheiden, ob die Warenströme in Europa weiter fließen.
