Gasspeicher: Deutschland verfehlt 70-Prozent-Ziel zum 1. November
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 12:22 Uhr | dpa, AD HOC NEWSSpeicherziele und Wintervorsorge
- Zum 1. November gilt rechnerisch ein durchschnittliches Speicherziel von 70 Prozent.
- Für sechs Speicheranlagen reicht wegen ihrer Eigenschaften ein reduziertes Ziel von 45 Prozent.
- Die geplante nationale Gasreserve soll 24 Milliarden Kilowattstunden umfassen.
Deutsche Gasspeicher verfehlen November-Ziel deutlich
Die deutschen Gasspeicher sind zum 1. November nur zu rund 61,2 Prozent gefüllt und liegen damit klar unter dem rechnerischen gesetzlichen Ziel von 70 Prozent. Das Wirtschaftsministerium und die Bundesnetzagentur halten die Gasversorgung für den Winter dennoch für gesichert.
Keine unmittelbare Sanktion vorgesehen
Die verfehlte Vorgabe hat zunächst keine direkten Folgen. Das Gesetz sieht dafür keine Sanktionen vor; Ministerium und Bundesnetzagentur könnten theoretisch aber ungenutzte, gebuchte Speicherkapazitäten neu vergeben lassen, um zusätzliche Befüllungen zu ermöglichen.
Die Bundesnetzagentur bewertet die Gefahr einer angespannten Gasversorgung nach aktuellem Erkenntnisstand weiterhin als gering. Das Ministerium verweist darauf, dass neben den Speichern auch laufende Importe, die Ausspeicherung und weitere Vorsorgemaßnahmen entscheidend seien.
Importe sollen Versorgung absichern
Gas kommt nach Angaben des Ministeriums insbesondere über Pipelines aus Norwegen, LNG-Terminals und europäische Nachbarländer. Deutschland könne deshalb auch während der Heizperiode zusätzliche Mengen auf dem Weltmarkt beschaffen.
Der Vorstand des Verbands Gas- und Wasserwirtschaft, Timm Kehler, verwies auf rund 150 Terawattstunden Gas in den Speichern. Diese Menge liege über dem Verbrauch, der im vergangenen Winter aus den Speichern entnommen worden sei.
Warnung vor Risiken im Spätwinter
Der Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern, Sebastian Heinermann, bezeichnete das Verfehlen der Vorgaben als ernstzunehmendes Warnsignal. Mit geringeren Reserven steige die Verwundbarkeit besonders bei außergewöhnlicher Kälte oder zusätzlichen Störungen der Gasimporte.
Problematisch könnte vor allem das Ende des Winters werden. Sinkt der Füllstand, nimmt auch die technisch verfügbare Ausspeicherleistung ab; hohe Verbrauchsspitzen im Februar oder März könnten dann schwerer abgefedert werden.
Hohe Preise erschweren Einspeicherung
Als Grund für die niedrigen Füllstände gelten unter anderem hohe und schwankende Großhandelspreise infolge geopolitischer Konflikte. Für Händler ist es dadurch weniger attraktiv, Gas im Sommer teuer einzukaufen und im Winter zu verkaufen.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wies das bundeseigene Energieunternehmen Sefe Ende September an, zusätzlich Erdgas einzuspeichern. Weitere Ausschreibungen sollen verhindern, dass Gasmengen zu früh aus den Speichern entnommen werden; ihre Wirkung zeigt sich teilweise erst nach dem Stichtag.
Gasreserve ab 2027 geplant
Die geltenden Füllstandsvorgaben treten am 31. März 2027 außer Kraft. Geplant ist eine nationale Gasreserve, die ab dem Winter 2027 schrittweise aufgebaut werden soll.
Die Reserve soll 24 Milliarden Kilowattstunden umfassen und damit etwa zehn Prozent der Speicherkapazität entsprechen. Sie ist für Extremfälle, Sabotage und seltene Großereignisse vorgesehen und soll über eine Umlage finanziert werden.
Die verfehlte November-Vorgabe bedeutet zunächst keine automatische Sanktion und keine unmittelbare Unterbrechung der Gasversorgung. Das geltende Regelwerk sieht für die Zielwerte kein Bußgeld vor; Behörden könnten jedoch unter bestimmten Voraussetzungen gebuchte, nicht genutzte Speicherkapazitäten neu vergeben lassen.
Für die Versorgung zählt neben der gespeicherten Gesamtmenge auch, wie schnell Gas aus den Anlagen entnommen werden kann. Mit sinkendem Füllstand nimmt diese Ausspeicherleistung ab. Das erhöht vor allem gegen Ende eines langen, kalten Winters die Bedeutung der Speicher, wenn gleichzeitig hohe Verbrauchsspitzen auftreten können.
Preisrisiko bleibt bestehen
Deutschland verfügt inzwischen über mehrere Importwege: Pipelinegas aus Norwegen, LNG-Terminals und Lieferungen über europäische Nachbarn. Diese Infrastruktur kann Engpässe abfedern, ersetzt aber nicht vollständig den Sicherheitspuffer in den Speichern. Die Bundesnetzagentur und das Wirtschaftsministerium bewerten die unmittelbare Versorgungslage weiterhin als stabil.
Für Haushalte und Unternehmen liegt das wichtigste Risiko deshalb zunächst bei den Preisen. Müssen Versorger bei Kälte oder Störungen zusätzlich Gas an kurzfristigen Märkten beschaffen, können Preisspitzen entstehen. Wie stark sie auf Rechnungen durchschlagen, hängt von Verträgen, Preisgarantien und dem Beschaffungsverhalten der Anbieter ab.
Neue Reserve soll Lücke schließen
Die bisherigen Füllstandsvorgaben laufen am 31. März 2027 aus. Geplant ist anschließend eine nationale Gasreserve von 24 Milliarden Kilowattstunden, die schrittweise aufgebaut und über eine Umlage finanziert werden soll. Sie wäre vor allem für Extremfälle, Sabotage und seltene Großereignisse gedacht und ersetzt nicht die laufende Beschaffung für den Winter.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Frankfurter Rundschau: „Deutschlands Gasspeicher historisch niedrig gefüllt – was jetzt bei den Gaspreisen droht“ (01.11.2026)
Der Beitrag bestätigt den niedrigen Füllstand und stellt stärker als die dpa-Meldung die möglichen Folgen für Gaspreise und den Streit mit Italien heraus. Zugleich verweist er auf die stabile Einschätzung der Bundesnetzagentur und auf zusätzliche Beschaffung durch Sefe.
ZDFheute: „Gasspeicher-Füllstände: Warum der Winter teuer werden könnte“ (01.11.2026)
Der Beitrag betont, dass ein Gasmangel derzeit nicht erwartet werde, ein sehr kalter Winter aber Preisspitzen auslösen könne. Anders als die dpa-Meldung ordnet er die Lage stärker in den europäischen Gasmarkt und die Entwicklung der Importpreise ein.
Übereinstimmung besteht beim niedrigen Speicherstand und der weiterhin gewährleisteten unmittelbaren Versorgung. Unterschiede liegen vor allem bei der Gewichtung von Preisrisiken, europäischer Solidarität und der Frage, wie stark zusätzliche Importe einen fehlenden Puffer ausgleichen können.
