Galeria-Insolvenz: Experte sieht Zukunft nur mit weniger Standorten
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 04:29 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Warenhauskette Galeria hat nach der jüngsten Insolvenz erneut einen Insolvenzantrag gestellt; nach Einschätzung von Handelsexperten ist eine Fortführung mit deutlich weniger Standorten möglich, eine dauerhafte Rettung des bisherigen Filialnetzes aber nicht.
83 Filialen bleiben zunächst geöffnet
Galeria stellte am Freitag beim Amtsgericht Düsseldorf zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren einen Insolvenzantrag. Der Geschäftsbetrieb in den derzeit 83 Filialen soll zunächst weiterlaufen. Das Unternehmen beschäftigt rund 12.000 Menschen.
Für die Beschäftigten ist offen, ob sie Insolvenzgeld erhalten. Ebenso steht noch nicht fest, welche Warenhäuser langfristig bestehen bleiben.
Experte fordert tragfähige Standorte
Der Heilbronner Handelsexperte Carsten Kortum hält ein vollständiges Aus für möglich, aber nicht zwangsläufig. Eine Fortführung mit deutlich weniger Standorten könne für die Mitarbeiter eine mögliche Lösung sein, sagte er der dpa. Voraussetzung seien wirtschaftlich tragfähige Häuser, ein klares Sortimentsprofil und genügend Eigenkapital für Modernisierung und Umbauten.
Kortum fordert zudem einen Eigentümer, der langfristig an das Geschäftsmodell Kaufhaus glaube. Eine weitere Sanierung, die vor allem auf Forderungsverzicht und Kostensenkung setze, werde voraussichtlich nicht ausreichen. Einzelne attraktive Warenhäuser in guten Lagen könnten auch unter anderen Eigentümern weiterbestehen, sollte die heutige Unternehmensstruktur scheitern.
Modegeschäft unter Druck
Als zentrale Probleme nennt Kortum zu große und teilweise wenig attraktive Verkaufsflächen, hohe laufende Kosten und ein zu schwaches Sortiment gegenüber Onlinehandel, Fachgeschäften und Discountern. Schulden zu streichen und Verträge zu kündigen, könne keine Kundennachfrage schaffen.
Der Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sieht die fehlende Wettbewerbsfähigkeit im Modegeschäft als Hauptursache. Mode mache mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Die wiederkehrenden Insolvenzen von Galeria sowie der Vorgängerfirmen Kaufhof und Karstadt verglich er mit einem Gummiball, der eine Treppe hinunterhüpfe: Kurzfristig gebe es nach jedem Aufprall neue Hoffnung, langfristig führe die Entwicklung aber nach unten.
Skepsis gegenüber dem Geschäftsmodell
Jörg Funder von der Hochschule Worms führt die erneute Insolvenz unter anderem auf eine schwache Unternehmensführung, Probleme des Geschäftsmodells und die anhaltende Konsumschwäche zurück. Er verwies darauf, bereits 2008 seien in Deutschland höchstens 55 zentral geführte Warenhausfilialen als wirtschaftlich betreibbar eingeschätzt worden.
Den jüngsten Eigentümern warf Funder ein mangelndes Interesse am operativen Geschäft vor. Es habe ein wirklicher Plan und eine Zukunftsperspektive gefehlt. Die Aussichten der Kette beurteilt er deshalb besonders skeptisch.
Wiederkehrende Sanierungen
Der vierte Insolvenzantrag innerhalb von sechs Jahren zeigt, dass die bisherigen Verfahren die strukturellen Probleme von Galeria nicht dauerhaft gelöst haben. Nach den Insolvenzen 2020, 2022 und 2024 wurden zahlreiche Filialen geschlossen und Forderungen reduziert. Seit dem Neustart im Sommer 2024 gehört das Unternehmen der US-Investmentgesellschaft NRDC und einer Beteiligungsgesellschaft des Unternehmers Bernd Beetz.
Bereits vor dem neuen Antrag stand das Filialnetz unter Druck. Galeria hatte im Sommer angekündigt, 33 der 83 Warenhäuser besonders zu prüfen und mit Vermietern über Mieten sowie kleinere Flächen zu verhandeln. Damit wird die Frage nach der Zukunft der einzelnen Häuser zum Kern des Verfahrens: Ein kleineres Netz kann Kosten senken, verringert aber zugleich die bundesweite Präsenz und die Bedeutung der Marke.
Branche im Wandel
Warenhäuser konkurrieren heute gleichzeitig mit dem Onlinehandel, spezialisierten Fachgeschäften, Discountern und schnell wachsenden Modeketten. Gerade das Modegeschäft ist für Galeria besonders wichtig, während Kundinnen und Kunden dort ein breiteres Angebot oft günstiger oder bequemer finden. Ein tragfähiges Konzept müsste deshalb Sortiment, Flächengröße, Standorte und digitale Angebote stärker verbinden.
Folgen für Beschäftigte und Innenstädte
Für die rund 12.000 Beschäftigten bleibt zunächst offen, welche Filialen langfristig bestehen und ob Insolvenzgeld gezahlt wird. Für die betroffenen Städte geht es zugleich um mehr als einzelne Arbeitsplätze: Galeria-Häuser prägen vielerorts zentrale Einkaufsstraßen und beeinflussen die Auslastung benachbarter Geschäfte. Schließungen könnten daher Leerstände verstärken, während wirtschaftlich tragfähige Standorte weiterhin eine Ankerfunktion übernehmen könnten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Berliner Zeitung: „Angeschlagene Warenhauskette: Galeria stellt vierten Insolvenzantrag in sechs Jahren“ (02.10.2026)
Der Bericht bestätige den erneuten Insolvenzantrag, die vorläufige Öffnung aller 83 Filialen und die Unsicherheit über Insolvenzgeld sowie den dauerhaften Bestand einzelner Standorte. Anders als die dpa-Meldung stelle er die Entwicklung seit 2020 und den Eigentümerwechsel 2024 ausführlicher dar; außerdem verweise er auf die angekündigte Prüfung von 33 Warenhäusern.
WDR: „Insolvenz Nummer vier: Galeria auf der Kippe“ (02.10.2026)
Der Bericht bestätige die erneute Insolvenz und rücke zusätzlich die mögliche Entwicklung der Umsätze, den weitgehend aufgebrauchten Kreditrahmen sowie die komplizierte Frage nach dem Insolvenzgeld in den Mittelpunkt. Er hebe außerdem die Kritik der Gewerkschaft und den Ansatz einer stärkeren regionalen Ausrichtung hervor; offen bleibe, welche Filialen tatsächlich geschlossen werden müssten.
Beide Berichte stimmten darin überein, dass der Geschäftsbetrieb zunächst weiterlaufe und die Zukunft des Filialnetzes offen sei. Unterschiede ergäben sich vor allem beim Schwerpunkt: Während die Berliner Zeitung die Eigentümer- und Sanierungsgeschichte betone, widme sich der WDR stärker Beschäftigten, Gewerkschaftskritik und möglichen Ursachen.
