Erstmals seit Inflationswelle: EZB senkt Zinsen
06.06.2024 - 15:40:50(Neu: Projektionen der EZB zur Entwicklung der Inflation und der Wirtschaftsleistung.)
FRANKFURT (dpa-AFX) - Die EuropĂ€ische Zentralbank (EZB) senkt nach ihrer beispiellosen Serie von Leitzinserhöhungen im Kampf gegen die Inflation wieder die Zinsen im Euroraum. Nach knapp neun Monaten auf Rekordhoch verringern die Euro-WĂ€hrungshĂŒter den Einlagenzins, den Banken fĂŒr geparkte Gelder erhalten, um 0,25 Prozentpunkte auf 3,75 Prozent. Das teilte die Notenbank in Frankfurt am Donnerstag im Anschluss an eine Sitzung des EZB-Rates mit. Zugleich wird der Zins, zu dem sich Kreditinstitute frisches Geld bei der Notenbank besorgen können, von 4,5 Prozent auf 4,25 Prozent gesenkt.
FĂŒr Kreditnehmer sind sinkende Zinsen eine gute Nachricht, denn Kredite werden dadurch gĂŒnstiger. Sparer mĂŒssen sich dagegen darauf einstellen, dass sie tendenziell weniger Zinsen fĂŒr Geld auf der hohen Kante bekommen. Da die Entscheidung der Notenbank erwartet worden war, haben viele GeldhĂ€user ihre Konditionen aber bereits angepasst.
"RĂŒckgang zur PreisstabilitĂ€t ist holprig"
Volkswirte hatten mit einer Lockerung der geldpolitischen ZĂŒgel gerechnet, nachdem die Inflation sich deutlich abgeschwĂ€cht hatte. Zwar hat die Teuerung im Euroraum im Mai wieder etwas an Tempo gewonnen: Die Verbraucherpreise stiegen zum Vorjahresmonat um 2,6 Prozent nach 2,4 Prozent im April. Vom Rekordhoch bei 10,7 Prozent im Herbst 2022 ist die Inflation inzwischen aber weit entfernt. Höhere Teuerungsraten schmĂ€lern die Kaufkraft von Verbrauchern. Sie können sich dann fĂŒr einen Euro weniger leisten.
Nach neuester Prognose der Notenbank wird die Teuerung im Euroraum etwas langsamer zurĂŒckgehen als zuletzt erwartet. FĂŒr das laufende Jahr rechnet die EZB nun mit einer Inflationsrate von 2,5 Prozent, im MĂ€rz hatte die Notenbank noch 2,3 Prozent vorhergesagt. 2025 wird eine Rate von 2,2 (MĂ€rz-Prognose: 2,0) Prozent erwartet.
Die EZB strebt fĂŒr den Euroraum mittelfristig eine jĂ€hrliche Inflationsrate von zwei Prozent an. Bei diesem Wert sehen die WĂ€hrungshĂŒter PreisstabilitĂ€t gewĂ€hrleistet. "Wir sind mit dem spĂŒrbaren RĂŒckgang der Inflation zufrieden, aber der Weg zurĂŒck zur PreisstabilitĂ€t ist holprig", hatte EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel unlĂ€ngst ARD Plusminus und tagesschau.de gesagt.
Etwas mehr Zuversicht fĂŒr die Konjunktur
Um die nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine stark gestiegene Inflation in den Griff zu bekommen, hatte die EZB seit Juli 2022 zehnmal in Folge die Zinsen nach oben geschraubt, ehe sie eine Pause einlegte. Kredite werden damit teurer. Das kann die Nachfrage bremsen und hohen Teuerungsraten entgegenwirken. Teurere Finanzierungen sind zugleich eine Last fĂŒr die Wirtschaft und Privatleute, die sich Geld leihen wollen. Das kann die Konjunktur bremsen.
Was das Wirtschaftswachstum im Euroraum angeht, sind die Euro-WĂ€hrungshĂŒter fĂŒr das laufende Jahr etwas zuversichtlicher geworden: Die EZB erwartet nun einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 0,9 Prozent. Im MĂ€rz hatte die Notenbank ihre zuvor optimistischeren Konjunkturerwartungen noch auf 0,6 Prozent verringert.
Auf Zinssenkung folgt nicht automatisch die nÀchste
Wie viele Zinssenkungen noch folgen werden, ist derzeit schwer abzusehen. Vertreter der EZB hatten zuletzt darauf verwiesen, dass die Entscheidungen von der Entwicklung der wirtschaftlichen Daten abhĂ€ngen. Aus einer ersten Zinssenkung könne man keine "Art Autopilot" ableiten, bei dem gleich die nĂ€chste Zinssenkung folgen mĂŒsse, betonte unlĂ€ngst Bundesbank-PrĂ€sident Joachim Nagel, der als Mitglied des EZB-Rates mit ĂŒber die Geldpolitik im Euroraum entscheidet. "Stabile Preise sind die wichtigste Voraussetzung fĂŒr Wachstum in Europa, daran sollten wir weiter festhalten", betonte Nagel. Es gelte, die Preisentwicklung von Sitzung zu Sitzung zu beobachten.

