Florian Schulz im EMFIS Experten-Interview
Veröffentlicht: 04.05.2009 um 14:21 Uhr, Redaktion AD HOC NEWS, Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller (Chefredaktion)Florian Schulz (Chefredakteur Emerging Markets Trader)
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Wir freuen uns darüber unsere Interview-Reihe mit dem Chefredakteur des Börsenbriefes Emerging Markets Trader (www.emerging-markets-trader.de) zu beginnen, denn kaum jemand war so gut auf das turbulente Jahr 2008 vorbereitet wie Herr Florian Schulz. Er warnte rechtzeitig vor „drohenden Währungskrisen in Osteuropa“ (Juli 2007) und vor einem bevorstehenden „Olympiacrash in China“ (Oktober 2007). Auch die US-Immobilienkrise war für die Leser seiner Berichte keine Überraschung: Seine einzige Investition am amerikanischen Aktienmarkt der vergangenen 5 Jahre war ein gehebeltes Short-Zertifikat auf US-Bau-Aktien (Haltedauer: 2005-2008).
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EMFIS: Herr Schulz, vor mehr als sieben Jahren haben Sie Ihre damalige Emerging Markets Web-Seite mit uns zur heutigen Emfis.com fusioniert. Der Dow Jones Industrials Index kämpfte damals gerade um die 10.000 Punkte Marke. Wann wird der Index die 10.000 Punkte wieder erreichen?
Florian Schulz: Für eine Dow-Prognose bin ich sicher nicht der Richtige, denn damals wie heute beschäftige ich mich vorwiegend mit den Emerging Markets. Es sieht aber so aus als würde auf die „verlorene Dekade“ beim Dow Jones Industrials Index auch eine volkswirtschaftlich „verlorene Dekade“ in den USA folgen. Da es la langfristig ohne Wachstum keine Kurssteigerungen geben kann sehe ich für die 10.000 Punkte Marke also wenig Perspektive. Auch die Nettogewinne japanischer Unternehmen konnten sich nach dem Platzen der japanischen Immobilienblase nicht zügig erholen. Im Gegenteil: Das Gewinnniveau lag noch im Jahr 1996 insgesamt 84% tiefer als im Jahr 1990!
EMFIS: Das klingt beängstigend. Sie haben im März trotzdem die Zurückhaltung in ihren Musterdepots aufgegeben und sieben neue Positionen gekauft. Da diese Positionen durchschnittlich schon mit knapp 30% im Plus liegen konnten Sie so Ihre Depots sogar nahe an das Vorkrisenniveau rücken. Ist es jetzt an der Zeit Gewinne mitzunehmen bevor der nächste Crash diesen Erfolg zu Nichte macht? Gilt nicht immer noch das Motto: „Raus aus Aktien und rein in Gold?“
Florian Schulz: Nein! Ganz im Gegenteil: Die Weltfinanzkrise ist für Aktienanleger eine historische Chance! Sie bietet die Chance das Aktiendepot zu sehr günstigen Bewertungen auf eine neue Weltwirtschaftsordnung einzustellen. Ich kann durchaus verstehen, dass sich viele Anleger in der Übergangsphase in diese Weltwirtschaftsordnung ihr Vermögen durch Goldkäufe absichern. Da diese Übergangsphase sehr bewegt sein wird empfehle auch ich jedem - ob aktiver Anleger oder nicht – als Sicherheitspolster einen gewissen Goldanteil in den Rücklagen. Im Gegensatz zu einigen Kollegen rechne ich aber nicht damit das Gold in der neuen Weltwirtschaftsordnung eine gewichtige Rolle spielen wird.
EMFIS: Warum nicht?
Florian Schulz: Weder die Vertreter der alte Weltwirtschaftsordnung noch die Vertreter einer Neuen haben Interesse an einem neuen „Goldstandard“, denn die Goldbestände sind hierfür ungünstig verteilt. Russland als Goldförderland würde man für die Idee sicher begeistern können, aber in Asien findet man wenige Anhänger solcher Gedankenspiele.
EMFIS: China ist der weltweit zweitgrößte Goldkäufer nach Indien und der weltgrößte Goldproduzent….
Florian Schulz: …derzeit sind aber weniger als 2% der chinesischen Währungsreserven in Gold angelegt. Darum möchte der chinesische Notenbankpräsident eine neue Leitwährung an den goldfreien Sonderziehungsrechten des Internationalen Währungsfonds (IWF) ausrichten. China hat schlicht ein großes Interesse daran, dass die mittlerweile inklusive „versteckter Reserven“ bei 2,3 Billionen USD liegenden Währungsreserven auch in einer neuen Weltwirtschaftsordnung einen Wert darstellen. Statt alles auf die Karte Gold zu setzen empfehle ich Anlegern jetzt auch Aktien aus jenen Ländern zu kaufen die durch die Krise an Wirtschaftsmacht gewinnen.
EMFIS: An welche Länder denken Sie und wer sind die Verlierer?
Florian Schulz: Ich fange mit den Verlierern an. Es ist zu erwarten, dass die OECD-Länder ihr durchschnittliches Schuldenniveau von derzeit 75% des BIPs schon bis Ende 2010 auf 100% des BIPs erhöhen werden. Dann fangen allerdings die Schuldenprobleme erst richtig an, denn im Jahr 2010 wird man feststellen, dass die Steuerbasis weggebrochen ist und man vor einem strukturellen Defizit steht. Ich rechne daher damit, dass die OECD-Staatsschulen schon in weniger als 10 Jahren bei 130-140% des BIPs liegen werden. Die Dauerstagnation von Italien und Japan lehrt uns leider was dies bedeutet: Die sogenannte Wachstumstrendlinie, also das Wachstumspotential einer Volkswirtschaft, wird mit hoher Staatsverschuldung flacher – und zwar ganz ohne die ohnehin ungünstige Demografie zu berücksichtigen.
EMFIS: Der Westen ist also der Verlierer der Krise. Da werden Sie wenige Gegenstimmen hören. Aber kann der Osten auch zu einem Gewinner der Krise werden?
Florian Schulz: Natürlich wird Asien erst einmal den schweren Exportschock verarbeiten müssen. In der vergangenen Woche hat der IWF jedoch zwei Berichte veröffentlicht, die mich zuversichtlich stimmen. Im Report zur globalen Finanzmarktstabilität stellte der Währungsfonds fest, dass nur 5,4% aller zu erwartenden Bankabschreibungen in Höhe von 2810 Mrd. USD auf Krediten in Asien beruhen. Zudem erwartet der IWF in der Region „Developing Asia“ selbst in diesem Jahr ein Wachstum von 4,8% und die Region werde sich im Jahr 2010 mit einer Wirtschaftswachstumsrate von hohen 6,1% zurückmelden. 4,8% Wachstum in „Developing Asia“ gegenüber 3,8% Schrumpfung in den 33 reichsten Ländern der Welt - das ist ein Wachstumsunterschied von 8,6%!
EMFIS: Die Wachstumsschere zwischen West und Ost wird also durch die Krise sogar größer. Herr Schulz, auf welche Sektoren und Länder setzen Sie jetzt?
Florian Schulz: Mir gefallen zum Beispiel am Binnenmarkt orientierte Unternehmen aus China, denn die Einzelhandelsumsätze im Reich der Mitte steigen derzeit trotz Krise um 15% pro Jahr. Zudem bin ich im März in Indonesien und Polen eingestiegen, da beide Länder in ihrer Region positiv hervorstechen - politisch wie ökonomisch. Ich glaube zudem, dass das Thema Wasser wieder kommen wird und habe daher zwei Wasseraktien im Depot. Spekulativ habe ich mich im März zudem in der Ukraine engagiert, da ich die Staatsbankrottgerüchte für übertrieben hielt. Das klingt verrückt, brachte bisher ohne Hebel aber schon fast 60% Gewinn!
EMFIS: Ja, das UTX-Zertifikat (WKN: HV5S8C) haben wir in Ihrem Musterdepot gesehen. Gratulation für den guten Riecher. Die ukrainische Börse ist ja mit einem Plus von 56% unangefochtene die erfolgreichste Börse der vergangenen 4 Wochen. Haben Sie für unsere Leser einen konkreten Tipp, der auch jetzt noch so gut laufen könnte?
Florian Schulz: Ende Oktober lag die Marktkapitalisierung der größte chinesische Apothekenkette China Nepstar Chain Drugstore (WKN: A0M6WR) unter den Nettobarmitteln des Unternehmens. Die rund 3000 Apothekenfilialen wurden damals also quasi verschenkt. Obwohl die Aktie jetzt schon mit 55% in unserem Depot liegt zähle ich das profitable Unternehmen wegen der Gesundheitsreform in China heute immer noch zu den Favoriten. Schauen Sie sich doch auch mal den ungarischen Pharmawert Egis Pharmaceuticals (WKN: 891133) und den Öl-Junior Dragon Oil (WKN: 877789) an. Beide haben hohe Nettobarmittel und sind daher von der Kreditkrise in ihrem direkten Umfeld nicht betroffen.
EMFIS: Cash ist eben King, Herr Schulz! Wir danken Ihnen für das Gespräch.
Florian Schulz ist Chefredakteur des Börsenbrief Emerging Markets Trader.
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