Firmenpleiten: 12.900 Insolvenzen in sechs Monaten 2026
Veröffentlicht am: 04.08.2026 um 16:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die deutsche Wirtschaft erlebt ein Jahr der Extreme: Während die Firmeninsolvenzen auf den höchsten Stand seit 2013 steigen, verzeichnen Start-ups ein Rekordwachstum. Besonders junge Unternehmen und die Gastronomie kämpfen ums Überleben.
Insolvenzen erreichen 20-Jahres-Hoch
Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform registrierte in den ersten sechs Monaten 2026 insgesamt 12.900 Firmenpleiten – so viele wie zuletzt 2013. Besonders hart trifft es junge Unternehmen: Bei Betrieben, die maximal zwei Jahre am Markt sind, stiegen die Insolvenzen um 25,3 Prozent.
Auch das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) spricht von einem 20-Jahres-Hoch. Allein im ersten Quartal 2026 zählten die Forscher rund 4.500 Fälle. Bereits 2025 hatte das Statistische Bundesamt einen Anstieg um 10 Prozent auf circa 24.000 Insolvenzen gemeldet – der höchste Wert seit 2014.
Gastronomie, Handel und Zulieferer in der Krise
Die Gastronomie trifft es besonders hart: Über 600 Insolvenzen zählte die Branche allein im ersten Halbjahr 2026. Im Gesamtjahr 2025 waren es rund 2.900 – ein Plus von 30 Prozent. Branchenvertreter machen dafür Kostensteigerungen bei Energie, Wareneinsatz und Personal verantwortlich, die seit 2022 um bis zu 40 Prozent gestiegen sind. Während Systemgastronomen Marktanteile gewinnen, bleiben der Individualgastronomie die Gäste weg.
Der Einzelhandel liefert mit dem Dekorationshändler Depot ein prominentes Beispiel für die Misere. Das Unternehmen steckt im zweiten Insolvenzverfahren innerhalb von zwei Jahren und stellt 330 Mitarbeiter frei. Das Filialnetz schrumpft von 155 auf 50 Standorte. Als Ursachen gelten Importzölle, die Konkurrenz asiatischer Online-Plattformen und die allgemeine Kaufzurückhaltung.
Auch die Automobilzulieferer ächzen: Zwischen 2020 und 2025 meldeten 257 Unternehmen dieser Branche Insolvenz an, 59 davon allein 2025. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) sieht ein massives Finanzierungsproblem: 44 Prozent der Unternehmen bewerten das Verhalten der Banken als restriktiv, 22 Prozent berichten sogar von Kreditverweigerungen.
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Zahlungsmoral verschlechtert sich spürbar
Ein wesentlicher Treiber der Instabilität ist die sinkende Zahlungsmoral. Unternehmen warten im Schnitt über 40 Tage auf den Ausgleich ihrer Rechnungen – die längsten Forderungslaufzeiten im B2B-Bereich seit 2019. Kleine und mittlere Unternehmen geraten dadurch zunehmend unter Liquiditätsdruck, während Großkonzerne längere Zahlungsziele durchsetzen.
Zusätzlich belasten steigende Umweltkosten die Industrie. Ein Beispiel aus der Düngemittelproduktion zeigt die Dimension: Die Ausgaben für CO2-Zertifikate könnten von rund 40 Millionen Euro im Jahr 2025 auf bis zu 250 Millionen Euro jährlich steigen.
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Gründungsboom als Hoffnungsschimmer
Trotz der düsteren Pleitenbilanz gibt es Lichtblicke. Bundeskanzler Merz verwies auf Daten des Startup-Verbands: Zwischen Januar und Juni 2026 entstanden 3.053 neue Unternehmen – ein Plus von 52 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025.
Niedersachsen bestätigt den Trend: 2025 wurden dort 71.413 Firmen angemeldet, so viele wie seit zehn Jahren nicht. Auch bis Mai 2026 meldete das Wirtschaftsministerium einen positiven Saldo aus An- und Abmeldungen – warnte jedoch vor Konjunkturschwankungen und hohen Betriebskosten.
Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im zweiten Quartal 2026 immerhin um 0,2 Prozent. Doch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) mahnt: Ein mögliches Niedrigwasser des Rheins könnte das Wachstumspotenzial erneut ausbremsen.
