Fachkräftemangel: IW beziffert Lücken in Energiewende, Infrastruktur und Digitalem
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 05:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deDer zunehmende Mangel an Arbeitskräften droht die Modernisierung der deutschen Wirtschaft empfindlich zu behindern. Wie aus Berichten vom 19. Oktober 2026 zu einem Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag der BlackRock Foundation hervorgeht, bremst der Fachkräftemangel die Investitionsagenda in den Bereichen Infrastruktur, Energiewende und Digitalisierung spürbar aus und gefährdet damit das künftige Wirtschaftswachstum.
Große Lücken bei beruflich Qualifizierten
Die Untersuchung des IW beziffert den Bedarf in den untersuchten Transformationsfeldern auf Hunderttausende Stellen. In den Energiewendeberufen fehlen 138.138 Fachkräfte, im Bereich der Infrastrukturberufe liegt das Defizit bei 64.504 Personen, und in den Digitalisierungsberufen beläuft sich die Lücke auf 59.967 Stellen. Dabei entfallen rund 70 Prozent der gesamten Fehlstellen in diesen drei Gruppen auf Fachkräfte mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung.
Als besonders schwerwiegend erweisen sich die Engpässe in technischen Handwerks- und Industrieberufen. Größte Fehlbestände verzeichnet das Institut in der Bauelektrik, im Bereich Sanitär, Heizung und Klima (SHK), in der elektrischen Betriebstechnik sowie in der Maschinenbau- und Betriebstechnik. Allein in der Bauelektrik gelten rechnerisch mehr als 15.000 Stellen als unbesetzbar.
Zusätzlichen Druck auf den Arbeitsmarkt verzeichnet das IW in seiner Publikation KOFA Kompakt 9/2026: In mehreren Berufen der Metall- und Elektroindustrie verschärften sich die Engpässe trotz schwächelnder Konjunktur weiter, was auf das starke Wachstum der Rüstungsindustrie infolge der Zeitenwende zurückgeführt wird.
Als Gegenmaßnahmen empfiehlt das Institut, vorhandene Kompetenzen systematisch zu erfassen, Anpassungsqualifizierungen zu forcieren und Quereinstiege strukturiert zu begleiten.
Demografischer Wandel belastet Wertschöpfung und Wachstum
Als Hauptursachen für den Arbeitskräftemangel nennt das IW demografische Faktoren sowie Passungsprobleme auf dem Arbeitsmarkt. Der Mangel sei vor allem durch den demografischen Wandel bedingt und lasse sich nur zu einem Teil durch Zuwanderung kompensieren.
Per Saldo verliert der deutsche Arbeitsmarkt jährlich rund 400.000 Erwerbspersonen. Nach Berechnungen des Sachverständigenrats führt diese Entwicklung bis zum Jahr 2080 zu einem jährlichen Rückgang des Arbeitsvolumens um bis zu 0,3 Prozent, wodurch das potenzielle Wirtschaftswachstum auf 0,2 bis 0,5 Prozent pro Jahr gedrückt werde.
Wer sich mit der Sicherung von Fachkräften befasst, muss heute neue Wege in der Personalplanung gehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Dieses kostenlose E-Book liefert Methoden und Checklisten für eine professionelle und strukturierte Bedarfsermittlung. Gratis-Ratgeber zur Personalbedarfsplanung herunterladen
Für das laufende und die kommenden Jahre prognostiziert das IW ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent für 2026, 1,1 Prozent für 2027 sowie 0,6 Prozent für 2028. Die ökonomischen Verluste durch unbesetzte Stellen sind bereits jetzt beträchtlich: Für das Jahr 2024 beziffert das IW die entgangene Wertschöpfung auf rund 49 Milliarden Euro, was einem Verlust von 1,1 Prozent des Produktionspotenzials entspricht.
Auch nach Angaben der BlackRock Foundation läge das deutsche Produktionspotenzial für 2024 ohne den Fachkräftemangel um rund 49 Milliarden Euro beziehungsweise 1,1 Prozent höher. Die Stiftung stellt über einen Zeitraum von fünf Jahren 15 Millionen Euro bereit, um mit gezielten Maßnahmen 5.000 Menschen zu erreichen.
Investitionslücken und Probleme am Ausbildungsmarkt
Die Personalengpässe treffen auf erhebliche finanzielle Vorhaben. Der Sondertopf Infrastruktur (SVIK) stellt ein Volumen von 500 Milliarden Euro bereit und dürfte die Nachfrage nach Arbeitskräften weiter anheizen. Das IW betont jedoch, dass finanzielle Mittel allein nicht ausreichen, um die geplanten Vorhaben tatsächlich zu realisieren.
Gleichzeitig verzeichnet das IW eine ausgeprägte Investitionsschwäche: Während die öffentlichen Investitionen seit 2020 rund 50 Milliarden Euro über dem historischen Trend lagen, blieben die privaten Investitionen um rund 470 Milliarden Euro dahinter zurück, was einer geschätzten Investitionslücke von etwa 420 Milliarden Euro entspricht.
Im zweiten Quartal 2026 lagen die privaten Investitionen mehr als 10 Prozent unter dem Jahresdurchschnitt von 2019, während die öffentlichen Ausgaben diesen Stand um 20 Prozent übertrafen.
Angesichts des wachsenden Wettbewerbs um qualifizierte Arbeitskräfte wird eine professionelle Planung zum entscheidenden Erfolgsfaktor für Unternehmen. Ein aktueller Gratis-Report enthüllt die Methoden, mit denen Profis die Einsatzplanung strukturiert angehen. Methoden zur Personalplanung jetzt kostenlos entdecken
IW-Konjunkturchef Michael Grömling hob hervor, dass der Staat zwar den bestehenden Investitionsstau auflöse, öffentliche Ausgaben die privaten Investitionen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum jedoch nicht ersetzen könnten.
Erschwert wird die Fachkräftesicherung durch anhaltende Probleme in der dualen Ausbildung. Im Jahr 2025 blieben bundesweit 54.385 Ausbildungsstellen unbesetzt, während 39.616 Bewerberinnen und Bewerber unversorgt blieben. Zudem wurden im Jahr 2024 insgesamt 29,7 Prozent der begonnenen Ausbildungsverträge vorzeitig gelöst.
