Fachkräftemangel: 8,5 Millionen über 55 Jahren gefährden Know-how
Veröffentlicht: 08.07.2026 um 03:49 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Über 8,5 Millionen Beschäftigte sind 55 Jahre oder älter – ein Viertel der gesamten Belegschaft. Unternehmen müssen jetzt handeln, sonst droht ein massiver Know-how-Verlust.
Demografischer Wandel trifft Engpassberufe besonders hart
Eine KOFA-Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Frühjahr zeigt die Dimension des Problems. Rund 4,6 Millionen Fachkräfte gehören zur älteren Generation. Besonders kritisch: In Engpassberufen arbeiten 3,6 Millionen Beschäftigte über 55 Jahren.
Die Zahlen sind alarmierend. Bei Busfahrern liegt der Anteil älterer Mitarbeiter bei 40 Prozent, in der Hochbauaufsicht sogar bei 41,2 Prozent. Experten raten Unternehmen dringend, ihre Altersstrukturen frühzeitig zu prüfen und den Wissenstransfer zwischen den Generationen systematisch zu organisieren.
Der BVMW greift das Thema auf. Eine Veranstaltung am 9. Juli in Bielefeld stellt Führung und Kompetenzentwicklung angesichts ausscheidender Babyboomer in den Mittelpunkt.
Fördertöpfe für Innovation und Qualifizierung
Die NRW.BANK öffnet im August 2026 erneut den MID-Assistenten. Das Programm unterstützt Betriebe mit bis zu 50 Angestellten bei der Einstellung von Hochschulabsolventen für Innovations-, Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsprojekte. Die Förderung läuft über zwei Jahre – Zuschüsse zwischen 33.000 und 48.000 Euro sind möglich. Allerdings: Das Kontingent ist zunächst auf 25 Anmeldungen begrenzt.
Auch die Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal hilft. Unternehmen im Bergischen Städtedreieck erhalten Zuschüsse zu Lehrgangskosten und zum Arbeitsentgelt. Ziel ist die Qualifizierung von Beschäftigten während des Strukturwandels.
Um den Generationswechsel erfolgreich zu gestalten, ist eine vorausschauende Besetzung freier Stellen entscheidend. Dieser kostenlose Leitfaden unterstützt Führungskräfte dabei, neue Mitarbeiter strukturiert einzuarbeiten und langfristig an das Unternehmen zu binden. Neue Mitarbeiter schneller einarbeiten und langfristig binden – mit dieser kostenlosen Onboarding-Checkliste
Die Palette der Ausbildungsförderung reicht von der Übernahme der Kosten für Vorstellungsgespräche bis zur Assistierten Ausbildung (AsA) oder Einstiegsqualifizierungen.
Beratung gefragt – und rechtliche Fallstricke
Die Nachfrage nach Beratung ist enorm. Eine Online-Sprechstunde des Jobcenters Kreis Gütersloh am 8. Juli war bereits im Vorfeld ausgebucht. Nächster Termin: der 7. Oktober. Ein regionaler Austausch zur Exportförderung bei der Schirmer Maschinen GmbH am 15. Juli stieß ebenfalls auf großes Interesse.
Neben der Rekrutierung gewinnt die rechtliche Gestaltung von Bewerbungsprozessen an Bedeutung. Das Arbeitsgericht Koblenz entschied am 22. April (Az. 6 Ca 3408/25): Schwerbehinderte Bewerber haben keinen Anspruch auf Entschädigung, wenn eine Stelle nur vorsorglich ausgeschrieben wurde und kein tatsächliches Auswahlverfahren stattfand. Die Aufnahme in einen Bewerberpool begründet bei privaten Arbeitgebern keine Einladungspflicht.
Juristen warnen jedoch: Bei regulären Auswahlverfahren müssen die Beteiligungsrechte der Schwerbehindertenvertretung und des Betriebsrats zwingend beachtet werden.
Die rechtssichere Einbindung von Arbeitnehmervertretern ist bei personellen Veränderungen für Betriebe heute unerlässlich. Erfahrene Praktiker zeigen in diesem kostenlosen Ratgeber, wie Sie Betriebsvereinbarungen als wirksames Instrument nutzen und rechtssicher gestalten. Kostenlose Muster-Betriebsvereinbarung: So holen Sie das Beste für Ihre Belegschaft heraus
Arbeitsmarktdrehscheiben als neues Modell
In der Batte um Restrukturierungen und Fachkräftemangel gewinnen Arbeitsmarktdrehscheiben an Bedeutung. Laut Deutschem BetriebsräteTag können solche Netzwerke personelle Veränderungen sozialverträglich gestalten. Die Idee: Beschäftigte direkt von einem Betrieb in den nächsten vermitteln – ohne Phasen der Arbeitslosigkeit.
Das Modell setzt auf Kooperation zwischen Unternehmen in einer Region. Ob es sich flächendeckend durchsetzt, bleibt abzuwarten. Die Richtung ist jedoch klar: Der Kampf um Fachkräfte erfordert neue, kreative Lösungen.
