EZB-Nachfolge: Lagarde geht, Eurostaaten suchen neue Spitze
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie nächste EZB-Spitze wird im Euro-Kreis verhandelt
- Die Eurostaaten sollen ihre Vorschläge bis Freitag, 6. November, einreichen.
- Die Eurogruppe will die Nominierungen am Montag, 9. November, beraten.
- Über die Ernennung entscheiden später die Staats- und Regierungschefs der EU nach weiteren Stellungnahmen.
Eurostaaten suchen Lagardes Nachfolge
Wer Christine Lagarde an der Spitze der Europäischen Zentralbank folgt, soll in den kommenden Tagen konkreter werden. Die 21 Eurostaaten sollen bis Freitag ihre Kandidaten benennen; die Eurogruppe will am 9. November eine Bestandsaufnahme vornehmen.
Lagarde beendet Amtszeit früher
Lagarde hat ihren Rücktritt zum 7. Februar angekündigt und wird nur noch die geldpolitischen Sitzungen des EZB-Rates im Dezember und im Februar leiten. Ihre reguläre achtjährige Amtszeit hätte erst im Oktober 2027 geendet.
Mehrere Namen werden für die Nachfolge gehandelt. Als Favoriten gelten der Spanier Pablo Hernández de Cos und der Niederländer Klaas Knot; auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel wird genannt.
Hernández de Cos bringt internationale Erfahrung mit
Hernández de Cos führt seit dem 1. Juli 2025 die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Zuvor war er von 2018 bis 2024 Chef der spanischen Notenbank und damit Mitglied des EZB-Rates.
Der 55-Jährige promovierte in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Madrid und arbeitete bereits als Berater des EZB-Direktoriums. Als Vorteil gilt, dass Spanien bislang noch keinen EZB-Präsidenten gestellt hat.
Knot steht für eine straffere Linie
Klaas Knot leitete die niederländische Zentralbank vom 1. Juli 2011 bis zum 30. Juni 2025. Im EZB-Rat wandte er sich gegen die zwischenzeitlich sehr lockere Geldpolitik und wurde dadurch der Linie der Bundesbank zugerechnet.
Der 59-Jährige war außerdem Vorsitzender des Finanzstabilitätsrats. Seine lange Erfahrung in Notenbank, Finanzministerium und internationalen Institutionen stärkt sein Profil im Rennen um die EZB-Spitze.
Nagels Kandidatur bleibt politisch schwierig
Joachim Nagel steht seit Januar 2022 an der Spitze der Deutschen Bundesbank. Der 60-Jährige arbeitete zuvor viele Jahre bei der Bundesbank, war Vorstandsmitglied und später stellvertretender Leiter der Bankabteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.
Deutschland hat bislang keinen EZB-Präsidenten gestellt. Zugleich gilt eine deutsche Kandidatur als schwierig, weil mit Ursula von der Leyen bereits eine Deutsche die EU-Kommission führt und Bundeskanzler Friedrich Merz einen Wechsel Nagels zur EZB derzeit nicht erkennbar unterstützt.
Die Nachfolge von Christine Lagarde fällt in eine Phase, in der mehrere Spitzenposten der EZB neu besetzt werden müssen. Neben dem Präsidentenamt stehen nach den vorliegenden aktuellen Berichten auch Veränderungen im Direktorium an: Isabel Schnabel soll im Januar 2027 zum Internationalen Währungsfonds wechseln, während die Amtszeit von EZB-Chefvolkswirt Philip Lane Ende Mai 2027 ausläuft.
Damit dürfte die Auswahl des neuen Präsidenten nicht isoliert erfolgen. Die Eurostaaten müssen neben fachlicher Eignung und geldpolitischer Ausrichtung auch regionale Balance, politische Unterstützung und die Verteilung weiterer Direktoriumsposten berücksichtigen. Ein Kandidat braucht die Zustimmung von mindestens 16 der 21 Euro-Länder, die zugleich mindestens 65 Prozent der Bevölkerung des Euroraums vertreten.
Geldpolitik und europäisches Kräfteverhältnis
Pablo Hernández de Cos steht für einen eher lockeren geldpolitischen Kurs, während Klaas Knot als Vertreter einer strafferen Linie gilt. Die Entscheidung betrifft deshalb nicht nur eine Personalie, sondern auch die Erwartungen an die künftige Kommunikation und Schwerpunktsetzung der Notenbank.
Für Deutschland bleibt die Bewerbung Joachim Nagels politisch anspruchsvoll. Deutschland hat bislang noch keinen EZB-Präsidenten gestellt; zugleich könnte die bereits starke deutsche Präsenz in europäischen Spitzenämtern die Verhandlungen erschweren. Für Bürger und Unternehmen ist das Verfahren relevant, weil die EZB-Spitze maßgeblich beeinflusst, wie die Geldpolitik erklärt und innerhalb des Direktoriums vertreten wird.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Euronews: „Eurozone startet Nominierung für Lagarde-Nachfolge im EZB-Präsidentenamt“ (03.11.2026)
Der Beitrag beschreibt den Beginn des Nominierungsverfahrens und nennt die erforderlichen Mehrheiten für die spätere Entscheidung. Einen zusätzlichen Schwerpunkt legt er auf die weiteren anstehenden Wechsel im EZB-Direktorium und die mögliche Paketlösung.
Stern: „Europäische Zentralbank: Lagarde-Nachfolge: Euroländer sollen zügig Vorschläge machen“ (03.11.2026)
Der Artikel bestätigt die Frist für die Nominierungen und die Beratung der Eurogruppe am 9. November. Anders als der Euronews-Beitrag stellt er die Rolle Deutschlands und das Interesse Joachim Nagels stärker heraus und verweist ebenfalls auf die anstehenden Personalentscheidungen im Direktorium.
Beide Beiträge stimmen beim Ablauf und bei den wichtigsten Kandidaten überein. Unterschiede bestehen vor allem bei der Gewichtung des europäischen Abstimmungsverfahrens, der deutschen Rolle und der bevorstehenden Neubesetzung weiterer EZB-Posten.
