EU-Souveränität: Kommission beschließt Cloud- und KI-Unabhängigkeit
06.06.2026 - 22:12:07 | boerse-global.de
Die Europäische Kommission hat ein umfassendes Maßnahmenpaket vorgestellt, um die digitale Abhängigkeit von außereuropäischen Technologieanbietern zu reduzieren. Kernstück ist der „Cloud and AI Development Act“ (CADA), der strengere Sicherheitsstufen für Cloud-Dienste einführt und die heimische Infrastruktur massiv ausbauen soll.
Aktuellen Schätzungen zufolge ist die EU bei digitalen Technologien zu 80 Prozent von ausländischen Akteuren abhängig. Besonders deutlich zeigt sich das im Cloud-Markt: Die drei US-Konzerne Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud halten zusammen einen Marktanteil von über 70 Prozent. Diese Abhängigkeit verursacht laut Kommissionsangaben jährliche Kosten von rund 264 Milliarden Euro.
Vier Vertrauensstufen für Cloud-Anbieter
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Der CADA sieht die Einführung von vier Vertrauensstufen für Cloud-Dienste vor. Ab der zweiten Stufe könnten US-Konzerne faktisch vom Markt für sensible Daten ausgeschlossen werden. Grund ist der US-amerikanische „CLOUD Act“, der dortigen Behörden Zugriff auf Daten ermöglicht – ein Konflikt mit den europäischen Souveränitätszielen. Die höchste Sicherheitsstufe (Level 4) bleibt ausschließlich europäischen Anbietern vorbehalten.
Das Paket sieht zudem vor, europäische KI- und Cloud-Anbieter bei der Vergabe öffentlicher Aufträge bevorzugt zu behandeln. In Frankreich wurden Ministerien bereits aufgefordert, bis zum Herbst konkrete Pläne für den Ausstieg aus Abhängigkeiten von Drittstaaten vorzulegen. Das Gesetzespaket soll frühestens 2027 in Kraft treten, erste messbare Ergebnisse werden ab 2030 erwartet.
Milliarden für Hardware und Infrastruktur
Parallel zum CADA plant die Kommission eine Neuauflage der Chip-Verordnung („Chips Act 2.0“). Bis 2035 sollen rund 120 Milliarden Euro investiert werden, um den Anteil der EU an der globalen Halbleiterproduktion von derzeit rund 10 Prozent auf 20 Prozent zu verdoppeln.
Ein weiteres Ziel: Die Rechenzentrumskapazitäten sollen sich innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre verdreifachen. Bis 2035 soll der Energiebedarf europäischer Rechenzentren von aktuell 12 Gigawatt auf 60 GW steigen. Kritiker äußern jedoch Bedenken hinsichtlich der Umweltverträglichkeit. Rechenzentren in Irland verbrauchen bereits 22 Prozent des dortigen Strombedarfs. Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 im Vergleich zu 2024 auf 945 Terawattstunden verdoppeln wird.
Digitale Souveränität als Herausforderung für den Mittelstand
Eine aktuelle Studie der A1 Business zeigt: 77 Prozent der österreichischen Unternehmen fühlen sich stark oder eher abhängig von digitalen Technologien. Gleichzeitig bewerten 89 Prozent der Befragten digitale Souveränität als entscheidend für ihre künftige Sicherheit. Die größten Hürden bei der Umsetzung eigener Strategien: Personalmangel (61 Prozent) und finanzielle Einschränkungen (55 Prozent).
Auch im deutschen Mittelstand hat die Digitalisierung laut einer EY-Studie vom März 2026 ein Rekordniveau erreicht. 82 Prozent der mittelständischen Betriebe messen digitalen Technologien eine hohe Bedeutung bei – im Vorjahr lag dieser Wert noch bei 64 Prozent. Der Anteil der Unternehmen, die KI nutzen, stieg im gleichen Zeitraum von 26 auf 43 Prozent.
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Umstellung auf Open-Source-Lösungen
Um die Abhängigkeit weiter zu reduzieren, setzen Institutionen verstärkt auf Open-Source-Software. Das Europäische Parlament stellte am Donnerstag die Standardsuchmaschine auf seinen Dienstgeräten auf den Anbieter Qwant um, der Teil der „European Search Perspective“ ist. In Schleswig-Holstein werden derzeit rund 30.000 Arbeitsplätze auf Open-Source-Lösungen migriert. Auch der Internationale Strafgerichtshof nutzt zunehmend europäische Software-Alternativen wie „Open Desk“.
Branchenverbände wie der Bitkom begrüßen das Souveränitätspaket grundsätzlich, warnen aber vor zu viel Bürokratie. Kritik gibt es auch an der zeitlichen Gestaltung anderer Regulierungen: Bei der Reform der KI-Verordnung wurde das Inkrafttreten wichtiger Regelungen für Hochrisiko-KI-Systeme auf Oktober 2027 beziehungsweise August 2028 verschoben. Experten sehen darin einen Erfolg für die Lobbyarbeit, der der internationalen Konkurrenz zusätzliche Zeit verschaffe.
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