EU-Reform: Berufsabschlüsse künftig digital im EUDI-Wallet ab Januar
Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 22:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Mobilität von Fachkräften innerhalb der Europäischen Union bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurück, während der Bedarf in den Mitgliedstaaten wächst. Laut Analysen der EU-Kommission möchte jeder fünfte Europäer im EU-Ausland arbeiten, tatsächlich setzen dies jedoch nur vier Prozent um.
Um diese Diskrepanz zu verringern, schlägt die Kommission eine umfassende Überarbeitung der EU-Berufsqualifikationsrichtlinie vor. Ziel ist es, die administrativen Hürden für qualifizierte Zuwanderer innerhalb der Union massiv zu senken.
Verkürzung der Anerkennungsfristen und digitale Transformation
Ein zentraler Bestandteil der Reformpläne ist die Beschleunigung der Anerkennungsverfahren. Die Frist für die Prüfung von Berufsabschlüssen soll künftig auf elf Wochen begrenzt werden, statt der bisher üblichen vier Monate.
Für Berufsgruppen, für die bereits EU-Mindeststandards existieren, sieht der Vorschlag eine Verkürzung auf lediglich fünf Wochen vor. In einem Bericht vom September 2026 wird darauf verwiesen, dass die Fristen für Ärzte, Krankenpfleger, Ingenieure und Lehrpersonen von bis zu drei Monaten auf einen halben Monat sinken sollen.
Parallel dazu treibt die Kommission die Digitalisierung voran. Qualifikationen sollen künftig im EUDI-Wallet digital hinterlegt werden können. Für Deutschland ist die Verfügbarkeit auf Smartphones ab Januar 2027 vorgesehen. Flankiert wird dies durch den geplanten Europäischen Sozialversicherungsausweis ESSPASS und den Ausbau der Europäischen Gesundheitskarte.
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In der EU gibt es derzeit rund 5700 regulierte Berufe, jedoch existieren lediglich für sieben davon EU-weite Definitionen. Die Kommission strebt daher an, Berufe einheitlicher zu definieren und Abschlüsse maschinenlesbar zu gestalten.
Physiotherapie als Pilotprojekt für einheitliche Standards
Die Physiotherapie wurde als erster Beruf ausgewählt, für den einheitliche EU-Mindeststandards und ein gemeinsames Regelwerk etabliert werden sollen. Der Bedarf ist insbesondere in Deutschland hoch: Offizielle Schätzungen gehen von rund 11.000 fehlenden Physiotherapeuten aus, während Branchenexperten die Zahl der offenen Stellen auf weit über 30.000 beziffern. Die Ausbildungskapazitäten liegen bei lediglich etwa 2.500 neuen Fachkräften pro Jahr.
Finanzielle Aspekte unterstreichen die Dringlichkeit der Besetzung: Ein zusätzlicher Therapeut könne einer Praxis einen jährlichen Mehrumsatz von rund 100.000 Euro einbringen.
Bisher verzögern jedoch föderale Strukturen und unterschiedliche Bewertungskriterien die Anerkennung um Wochen, da oft Nachforderungen wie Apostillen gestellt werden. Nach dem Pilotprojekt Physiotherapie sollen laut Berichten vom Herbst 2026 weitere zehn Mangelberufe folgen.
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Kritik und Forderungen aus der Praxis
Die geplanten Eingriffe stoßen nicht überall auf Zustimmung. Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Schwannecke, lehnt gesetzgeberische Eingriffe in die Berufsdefinitionen ab. Auf der anderen Seite fordern Akteure aus dem Gesundheitswesen noch weitreichendere Reformen.
Der Geschäftsführer des Verbandes katholischer Altenhilfe in Deutschland, Andreas Wedeking, wies darauf hin, dass bereits jede fünfte Pflegefachkraft einen ausländischen Hintergrund habe, die Anerkennung jedoch nach wie vor zu lange dauere. Der Verband fordert eine zentrale "Work-and-Stay-Agentur", um Visaverfahren und Anerkennungen zu bündeln.
Ähnliche Forderungen kommen vom DBfK Nordwest. Geschäftsführerin Sandra Mehmecke warnte vor einer drohenden Versorgungskrise und forderte ein landesweit einheitliches Verfahren zur Kompetenzfeststellung nach dem BEEP-Standard, der seit dem 1. Januar 2026 gilt. In Niedersachsen betonte Staatssekretärin Dr. Gesa Schirrmacher dazu, dass ein solcher Systemwechsel Zeit benötige.
Regionale Initiativen zur Integration
Während auf politischer Ebene über Richtlinien debattiert wird, etablieren sich lokal praktische Ansätze. In Detmold startete ein Projekt für "Pflege-WillkommensPaten", das internationale Auszubildende unterstützt. Dort befinden sich bereits über 170 internationale Pflegeschüler in der Ausbildung.
Auch am Städtischen Klinikum Görlitz begann im September 2026 die Ausbildung vietnamesischer Fachkräfte, die durch spezialisierte Dienstleister wie JobVenture bei Behördengängen und der sozialen Integration begleitet werden.
Solche Modelle gewinnen an Bedeutung, da Verbände insbesondere in Ostdeutschland vor einem verschärften Fachkräftemangel warnen, sollte die Akzeptanz gegenüber zugewanderten Kräften sinken.
