EU-Kommission will Touristenströme in 13 Prozent Regionen lenken
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 12:24 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEU plant neue Tourismusleitlinien
- EU-Tourismuskommissar Apostolos Tzitzikostas kündigte die Empfehlungen in Brüssel an.
- Die Hälfte der Übernachtungen entfällt auf 13 Prozent der europäischen Regionen.
- Bis zum Ende des EU-Haushalts 2021 bis 2027 sollen 18 Milliarden Euro Unterstützung geflossen sein.
EU-Kommission will Tourismus in Europa neu ausbalancieren
Die Europäische Kommission will die Konzentration von Touristen auf wenige europäische Reiseziele abschwächen und die Besucherströme gleichmäßiger verteilen. Innerhalb der kommenden sechs Monate sollen Empfehlungen für einen ausgewogenen Tourismus vorgelegt werden, kündigte EU-Tourismuskommissar Apostolos Tzitzikostas in Brüssel an.
Viele Übernachtungen in wenigen Regionen
Nach Angaben der Kommission entfallen die Hälfte der touristischen Übernachtungen in Europa auf lediglich 13 Prozent der Regionen. Besonders während der sommerlichen Hochsaison stehen beliebte Reiseziele deshalb vor der Herausforderung, wirtschaftliche Einnahmen, Infrastruktur und die Lebensqualität der Bevölkerung miteinander zu vereinbaren.
Die neue Tourismusstrategie soll nach den Worten von Tzitzikostas „echten Mehrwert“ schaffen und die lokalen Gemeinschaften sowie Unternehmen unterstützen. Ziel sei nicht, lediglich höhere Besucherzahlen anzustreben.
Brüssel setzt auf Empfehlungen und Zusammenarbeit
Die Mitgliedstaaten bleiben für verbindliche Regelungen im Tourismus zuständig. Die übergreifende Strategie der EU ist nicht verpflichtend, soll aber gemeinsame Herausforderungen besser koordinieren.
Geplant sind unter anderem eine Tourismusakademie zur Ausbildung von Fachpersonal, Verbesserungen der Infrastruktur und ein besserer Austausch von Daten. Zudem will die Kommission Europa als Reiseziel stärken und in Krisen enger zusammenarbeiten.
Kreuzfahrten rücken in den Fokus
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Kreuzfahrttourismus. Wenn sehr viele Passagiere gleichzeitig in Hafenstädten und Küstenregionen ankommen, könne dies die lokale Infrastruktur, die Umwelt und die Bevölkerung erheblich belasten. Dazu sollen sich verschiedene Akteure austauschen.
Im europäischen Tourismussektor arbeiten laut Tzitzikostas mehr als 20 Millionen Menschen, zudem gibt es fünf Millionen Unternehmen. 99 Prozent davon sind kleine und mittlere Unternehmen. Gleichzeitig fehlen nach Schätzung der Kommission rund eine Million Arbeitskräfte.
Branche unter Druck
Als weitere Herausforderungen nennt die Kommission den Klimawandel, den internationalen Wettbewerb, die Kriege im Iran und in der Ukraine sowie Folgen für das Sicherheitsgefühl und die Flugpreise. Bis zum Ende des laufenden EU-Langzeithaushalts 2021 bis 2027 soll die Branche voraussichtlich 18 Milliarden Euro an EU-Unterstützung erhalten haben.
Der Vorstoß der EU-Kommission reagiert auf ein strukturelles Problem des europäischen Tourismus: Nachfrage und Belastungen konzentrieren sich räumlich und zeitlich. Wenn die Hälfte aller touristischen Übernachtungen auf 13 Prozent der Regionen entfällt, geraten besonders bekannte Städte, Küstenorte und Inseln in der Hochsaison an Grenzen. Für Einheimische zeigt sich das unter anderem in überlastetem Verkehr, knappem Wohnraum, steigenden Preisen und zusätzlichem Druck auf Wasser- und Abfallinfrastruktur.
Tourismus zwischen Wachstum und Belastung
Die Kommission setzt dabei nicht auf verbindliche Vorgaben, sondern auf Empfehlungen, bessere Daten und eine engere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten. Das entspricht der Zuständigkeit der Länder, begrenzt aber zugleich die unmittelbare Wirkung des Vorhabens. Entscheidend wird sein, ob die Staaten die Empfehlungen in Raumplanung, Verkehr, Arbeitsmarkt und regionaler Förderung übersetzen.
Eine stärkere Verteilung über weniger bekannte Reiseziele und die Nebensaison könnte Gemeinden entlasten und kleineren Unternehmen zusätzliche Einnahmen verschaffen. Dafür braucht es jedoch erreichbare Verkehrsangebote, qualifizierte Beschäftigte und attraktive Infrastruktur außerhalb der Spitzenzeiten. Die geplante Tourismusakademie und der verbesserte Datenaustausch zielen auf diese Voraussetzungen.
Kreuzfahrten als Belastungsprobe
Besonders sichtbar ist der Zielkonflikt bei Kreuzfahrten: Viele Menschen treffen in kurzer Zeit auf Hafenstädte, die ihre Infrastruktur nur begrenzt anpassen können. Die angekündigte Debatte wird deshalb auch die Frage berühren, wie wirtschaftlicher Nutzen, Umweltfolgen und die Interessen der Bevölkerung miteinander ausbalanciert werden. Für Reisende könnten sich daraus langfristig mehr Angebote in der Nebensaison und eine stärkere Lenkung zu weniger überlasteten Zielen ergeben.
