Erntearbeit in Südhessen: 450 Saisonkräfte berichten von Lohnverstößen
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 15:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deNach Befragungen von Erntehelfern in Südhessen verlangen der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Hessen-Thüringen und die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) ein härteres Durchgreifen der Behörden.
Wie die Organisationen an einem Dienstag in Wiesbaden mitteilten, seien systematische und unangekündigte Kontrollen durch den Zoll sowie die Arbeitsschutzbehörden dringend erforderlich. Vorausgegangen waren Vor-Ort-Interviews, die zwischen April und Juni geführt wurden.
Schwere Vorwürfe zu Lohnunterwanderung und Arbeitszeiten
Aus den Erhebungen der Gewerkschaften DGB Hessen-Thüringen und IG BAU gehen gravierende Mängel bei den Arbeitsbedingungen hervor. Demnach werde der Mindestlohn von 13,90 Euro pro Stunde systematisch unterlaufen. Befragte Beschäftigte berichteten über Arbeitszeiten von bis zu zwölf Stunden sowie über fehlende freie Tage. Bei der Bezahlung sei es zudem vorgekommen, dass Entgelte erst am Ende der Saison ausgezahlt wurden.
Überdies machten die Gewerkschaften publik, dass viele Beschäftigte weder Arbeitsverträge noch nachvollziehbare Lohnabrechnungen ausgehändigt bekamen. Auch bei den Unterkünften gebe es erhebliche Missstände: In einem Betrieb seien 28 Euro pro Tag für ein Mehrbettzimmer inklusive Mahlzeit verlangt worden.
Der DGB Hessen-Thüringen und die IG BAU wiesen gleichzeitig darauf hin, dass die geführten Gespräche nicht repräsentativ seien und keine konkreten Zahlen zu prozentualen Verstoßanteilen vorlägen.
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Einblicke aus Befragungen auf südhessischen Feldern
An der Erhebung beteiligte sich neben dem DGB und der IG BAU auch die Beratungsstelle „Faire Mobilität“. Die Teams befragten im Zeitraum von April bis Juni an sieben Tagen insgesamt 450 Saisonkräfte auf Spargel- und Erdbeerfeldern in Südhessen. Dabei stammten über 90 Prozent der Arbeitskräfte aus Rumänien, während kleinere Gruppen aus Bulgarien, Ungarn, Kroatien sowie der Republik Moldau anreisten.
Zum übergeordneten Rahmen verweist das Statistische Landesamt auf Zahlen aus dem Jahr 2023, nach denen etwa 12.600 Menschen, vor allem aus Rumänien, zur Ernte nach Hessen kamen.
Nach den gesammelten Berichten der Gewerkschaften und der Beratungsstelle fehlten häufig Vertragskopien, während Lohnzettel teils erst zum Saisonende ausgegeben oder Löhne lediglich als Vorschuss gewährt wurden. Zudem gebe es Fälle von Akkordarbeit, bei denen die Entlohnung unter dem gesetzlichen Mindestlohn lag. Für Unterkünfte in Mehrbettzimmern seien Beträge von bis zu 30 Euro pro Nacht in Rechnung gestellt worden.
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Forderung nach Versicherungspflicht und strengerer Aufsicht
Angesichts dieser Zustände bezeichnete der DGB-Vorsitzende Michael Rudolph die Verstöße und sogenannten schwarzen Schafe als branchenprägend. Er mahnte an, dass punktuelle Prüfungen nicht ausreichten, um faire Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft durchzusetzen.
Rudolph sprach sich neben den systematischen und unangemeldeten Kontrollen der zuständigen Aufsichts- und Zollbehörden auch für die Einführung einer allgemeinen Sozialversicherungspflicht for alle Saisonarbeitskräfte aus.
