Ergonomie-Lücke: Deutsche Unternehmen setzen Wissen zu selten um
Veröffentlicht am: 02.08.2026 um 14:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Aktion Gesunder Rücken (AGR) schlägt Alarm: Deutsche Unternehmen wissen zwar, wie gesunde Arbeitsplätze aussehen – doch sie setzen das Wissen zu selten um. Besonders kleine Betriebe hinken hinterher.
Am 29. Juli wies die AGR auf das erhebliche Umsetzungsproblem hin. Geschäftsführer Detlef Detjen betont: Es fehlt nicht an Erkenntnissen, sondern an der praktischen Anwendung. Vor allem kleine Unternehmen unterstützen ihre Beschäftigten oft nicht ausreichend ergonomisch.
Muskel-Skelett-Erkrankungen belasten die Wirtschaft
Die Folgen zeigen sich in der Krankheitsstatistik. Muskel-Skelett-Erkrankungen zählen weiterhin zu den häufigsten Ursachen für Fehlzeiten. Besonders betroffen: Bauwesen, Handwerk, Gebäudereinigung und Pflege.
Auch das Homeoffice verschärft die Lage. Erhebungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) zeigen: Fast die Hälfte aller Beschäftigten arbeitet zeitweise von zu Hause. Dort fehlt oft die richtige Ausstattung – mit gesundheitlichen Folgen. Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) vom 29. Juli ergänzt den psychischen Aspekt: Wer sich mehr Homeoffice wünscht, es aber nicht umsetzen kann, berichtet häufiger über hohe Arbeitsbelastung und schlechtere Gesundheit.
Neue Regeln für den Arbeitsschutz
Die Politik reagiert. Zum 1. Juni trat für Mitgliedsbetriebe der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) eine neue Fassung der DGUV Vorschrift 2 in Kraft. Die Grenze für die vereinfachte Regelbetreuung stieg von 10 auf 20 Beschäftigte.
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Die Neuregelung ermöglicht zudem mehr Digitalisierung: Betreuung per Telefon oder Videokonferenz ist nun unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Die Berufsgenossenschaft Holz und Metall (BGHM) machte ähnliche Anpassungen bereits im Frühjahr 2025 – mit positiver Resonanz. Gerade kleine Betriebe nutzen Telekonsultationen, um den Fachkräftemangel bei Betriebsärzten zu kompensieren.
Auch die Qualifikationsanforderungen wurden erweitert. Künftig dürfen Fachleute aus Arbeitspsychologie, Biologie oder Ergonomie als Sicherheitsfachkräfte arbeiten, sofern sie entsprechende Nachweise erbringen.
Büro vs. Produktion: Ein ungleicher Standard
Ein weiteres Problem: die Kluft zwischen Büro und Fertigung. Eine Untersuchung von Cushman & Wakefield zeigt, dass nur 46 Prozent der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe ihr Arbeitsumfeld positiv bewerten – deutlich weniger als Büroangestellte.
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Hersteller reagieren mit anpassbaren Systemen. Ende Juli wurden neue Lösungen für die Elektronikfertigung vorgestellt: elektrische Höhenverstellung von 745 bis 1160 mm, Tragkraft bis 4000 Newton. Ziel ist, Ergonomie mit technologischen Anforderungen wie dem Schutz vor elektrostatischer Entladung (ESD) zu verbinden.
Fachkräftemangel erschwert die Prävention
Die Debatte spielt sich vor einem verschärften Arbeitskräftemangel ab. Eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) vom 30. Juli zeigt das Ausmaß im Gesundheitshandwerk: 2025 blieben dort über 4.300 Stellen unbesetzt. Besonders im Meisterbereich konnten über 80 Prozent der offenen Positionen nicht besetzt werden.
Der Mangel betrifft auch die betriebliche Vorsorge. Laut einer Untersuchung der Continentale Versicherung vom 29. Juli verfügt nur knapp die Hälfte der Berufstätigen über eine betriebliche Absicherung. Viele Beschäftigte sind über die Angebote ihrer Arbeitgeber schlecht informiert. Experten raten Unternehmen deshalb, Vorsorge und Ergonomie stärker als Instrumente der Mitarbeiterbindung zu nutzen – im Wettbewerb um knappe Fachkräfte könnte das den entscheidenden Vorteil bringen.
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