Deutschland, Energie

Wasserstoff-Autobahn in den Startlöchern

12.07.2023 - 15:23:21 | dpa.de

Er soll zur Allzweckwaffe einer klimaneutralen Zukunft werden: Wasserstoff soll in fast allen wichtigen Branchen zum Einsatz kommen. Nun wird daran getüftelt, wie er von A nach B kommen soll.

Die Rohre einer künftigen Wasserstoffleitung liegen vor der Kulisse eines Windparks. - Foto: Jan Woitas/dpa
Die Rohre einer künftigen Wasserstoffleitung liegen vor der Kulisse eines Windparks. - Foto: Jan Woitas/dpa

Wasserstoff soll nach Plänen der Ampel-Regierung künftig nicht nur in Industrie und Verkehr, sondern auch beim Beheizen von Wohnräumen genutzt werden. Beim Heizen soll ihm allerdings «eine nachgeordnete Rolle» zukommen, wie aus einem Entwurf für die neue Nationale Wasserstoffstrategie hervorgeht, auf den sich die Koalitionsparteien geeinigt haben und der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Zuvor hatte das «Handelsblatt» darüber berichtet. Ob Privathaushalte in der Zukunft mit Wasserstoff heizen dürfen oder nicht, war einer der Streitpunkte in der Koalition beim Ausarbeiten des Gebäudeenergiegesetzes.

Nach dpa-Informationen soll sich das Kabinett noch im Juli mit den Plänen befassen. Vertreter der Branche und aus der Politik können noch bis zum 28. Juli Stellung zu den Plänen beziehen.

Die Bundesregierung will ein schnelles Wachstum des Wasserstoffmarktes. So soll vor allem in bestimmten Wirtschaftsbereichen der hohe Ausstoß von Treibhausgasen reduziert werden. Für die angestrebte Klimaneutralität gilt mit Ökostrom erzeugter Wasserstoff - auch grüner Wasserstoff genannt - besonders in der Industrie als zentraler Baustein.

Große Pläne bis 2030

Eine erste Fassung der Nationalen Wasserstoffstrategie hatte die Große Koalition bereits 2020 vorgelegt. Die aktuelle SPD/Grüne/FDP-Regierung will nun den Aufbau eines bundesweiten Wasserstoffnetzes vorantreiben und sicherstellen, dass künftig - ergänzt durch Importe - genügend Wasserstoff zur Verfügung steht. Im Inland soll bis 2030 die Kapazität für Elektrolyse, mit der Wasserstoff erzeugt wird, von fünf auf mindestens zehn Gigawatt erhöht werden.

Damit Wasserstoff künftig eine tragende Rolle spielen kann, muss er über weite Strecken transportiert werden können. Wie das geplante bundesweite Wasserstoff-Kernnetz aussehen könnte, stellten die deutschen Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) am Mittwoch vor. «Ziel ist es, so viel wie möglich umzustellen und nicht neu zu bauen», sagte FNB-Geschäftsführerin Barbara Fischer der dpa. Mehr als die Hälfte der Leitungen, durch die künftig Wasserstoff geleitet werden soll, werden heute als Gasleitungen genutzt.

Alle großen Standorte sollen angebunden werden

Nach dem aktuellen Stand der Planung soll das Netz Leitungen mit einer Gesamtlänge von 11.200 Kilometern umfassen. Die Kosten dafür schätzt der FNB auf einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag. Es werde lange Verbindungen vom Norden in den Süden Deutschlands sowie von Osten nach Westen geben, so Fischer. Wichtig sei es vor allem, große Industriestandorte anzubinden, die ohne Wasserstoff nicht klimafreundlich betrieben werden können. Dazu gehören die Stahl- und die Chemie-Branche.

Zunächst soll das Wasserstoff-Kernnetz in einer ersten Stufe wichtige Wasserstoff-Infrastrukturen umfassen, die bis 2032 in Betrieb gehen sollen. Die Bundesnetzagentur muss die Ausgestaltung des Netzes genehmigen. In einer zweiten Stufe soll bis Ende dieses Jahres eine umfassende Wasserstoff-Netzentwicklungsplanung im Energiewirtschaftsgesetz verankert werden.

Frühestens dann dürfte auch mehr Klarheit darüber entstehen, was die Netzpläne für Privathaushalte bedeuten. Zunächst geht es nur darum, große Mengen an Wasserstoff überhaupt im Land verteilen zu können. «Das Kernnetz ist kein flächenversorgendes Netz», sagte Fischer. Wie die Versorgung in der Fläche funktioniere, müsse jedoch schnell mit den Betreibern geklärt werden.

Ob für die vielen Zwecke einmal genügend Wasserstoff zur Verfügung steht, gilt unter Experten als äußerst fraglich. In der Branche der Leitungsbetreiber zeigt man sich jedoch optimistisch: Stehe erst einmal die Infrastruktur, werde das auch Produzenten anlocken.

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