Energiewende: Vattenfall-Deutschlandchef Zurawski fordert Entideologisierung und lobt Energie-Kurs der Bundesregierung
Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 04:15 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Vattenfall-Deutschlandchef Robert Zurawski hält die Energiewende trotz politischer Konflikte für grundsätzlich auf Kurs und fordert, die Debatte darüber zu entideologisieren.
Zurawski kritisiert Begriff und Stimmungslage
Zurawski sieht im stark aufgeladenen Streit um die sogenannte Energiewende auch ein Problem mit dem Begriff selbst. Er habe manchmal den Eindruck, dass das Wort bei vielen eher Skepsis als Aufbruch auslöse, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Möglicherweise brauche es daher eine neue Bezeichnung, um die Diskussion zu versachlichen. Aus seiner Sicht müsse die Debatte insgesamt aus ideologischen Mustern herausgeführt werden.
Transformation aus wirtschaftlichen Gründen
Gleichzeitig betont der Manager, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland auf einem guten Weg sei. In der Realität finde die Transformation seiner Ansicht nach ohnehin statt, weil sie die wirtschaftlich beste Lösung sei. Wer durch das Land fahre, könne erkennen, dass die Energiewende vielerorts Fortschritte mache. Zurawski verweist zudem auf internationale Beispiele: In den USA werde insbesondere in Texas viel Onshore-Windenergie aufgebaut, während in Kalifornien der Ausbau der Solarenergie vorangetrieben werde. Photovoltaik, Batteriespeicher und Onshore-Wind boomten nach seinen Worten auch dort.
Dekarbonisierung als Schlüssel zu sicherer Energie
Für alle politischen Parteien gilt aus Sicht Zurawskis, dass sie an der Realität des Energiebedarfs der Wirtschaft nicht vorbeikommen. Unternehmen benötigten bezahlbare und sichere Energie, und Dekarbonisierung sei der Weg dorthin, betont er. Die jüngsten geopolitischen Krisen führten aus seiner Sicht deutlich vor Augen, wie verletzlich eine Volkswirtschaft sei, die stark auf fossile Energieimporte setze. Das werde auch für Bürgerinnen und Bürger sichtbar, etwa an der Tankstelle – insbesondere für diejenigen, die noch mit Verbrennungsmotor unterwegs seien.
Lob für Kabinettsbeschlüsse, Kritik am Tempo
Die jüngsten Kabinettsbeschlüsse der Bundesregierung zur deutschen Energiepolitik bewertet Zurawski positiv. Die Bundesregierung habe aus seiner Sicht ihre Hausaufgaben gemacht, die zuständige Wirtschaftsministerin habe einen guten Job gemacht. Zugleich mahnt der Vattenfall-Manager vor allem beim Netzausbau mehr Tempo an. Hier sieht er noch erheblichen Handlungsbedarf, um die geplanten Veränderungen in der Energieversorgung technisch abzusichern.
Akzeptanz schaffen durch Beteiligung
Ein zentrales Thema beim Netzausbau und beim Bau neuer Erneuerbare-Energien-Anlagen sind Widerstände in der Bevölkerung. Zurawski berichtet, Vattenfall habe gute Erfahrungen damit gemacht, die Menschen vor Ort frühzeitig und transparent zu informieren und sie über Beteiligungsmodelle einzubinden. Kommunen und Gemeinden würden bei Solar- oder Windparks beteiligt, damit vor Ort ein direkter Nutzen entstehe. So lasse sich dem häufig geäußerten Vorwurf begegnen, es werde etwas gebaut, ohne dass die Betroffenen davon profitierten.
EEG-Novelle und Netzpaket im Überblick
Mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und dem sogenannten Netzpaket verfolgt die Bundesregierung nach eigenen Angaben das Ziel, den Ausbau der Erneuerbaren stärker an Kosteneffizienz, Versorgungssicherheit und tatsächliche Netzkapazität auszurichten. Vorgesehen ist unter anderem eine bessere regionale Steuerung des Zubaus. Zudem sollen ab 2027 kleine, meist privat installierte Solaranlagen mit einer Leistung von unter 25 Kilowatt keine dauerhafte Förderung mehr erhalten.
Kritik der Branche an den Ausbauzielen
Der Bundesverband Erneuerbare Energie hatte nach Bekanntwerden der Kabinettsbeschlüsse im Juli Kritik geübt. Nach Ansicht des Verbandes seien die Ausbauziele bei den erneuerbaren Energien auf Grundlage der geplanten Änderungen faktisch nicht zu erreichen. Damit stehen den positiven Bewertungen aus der Energiewirtschaft skeptische Stimmen aus der Branche gegenüber.
Politischer Streit um Kurs der Energiewende
Die Aussagen von Robert Zurawski fallen in eine Phase, in der die deutsche Energiepolitik stark umstritten ist. Während die Bundesregierung mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und dem Netzpaket mehr Kosteneffizienz, Versorgungssicherheit und eine bessere Ausrichtung an der tatsächlichen Netzkapazität anstreben will, kritisieren Branchenverbände, dass damit die Ausbauziele für erneuerbare Energien kaum zu erreichen seien. Die Diskussion um das Tempo und die Richtung der Energiewende ist damit nicht nur technisch, sondern auch politisch geprägt.
Wirtschaftlicher Druck und geopolitische Risiken
Zurawskis Hinweis auf Dekarbonisierung als Weg zu sicherer und bezahlbarer Energie unterstreicht, dass Unternehmen zunehmend unter hohem Wettbewerbsdruck stehen. Steigende CO?-Preise, volatile Preise für Öl und Gas sowie die Folgen geopolitischer Krisen machen fossile Energieimporte zu einem Risiko für Volkswirtschaften. Der Verweis auf Entwicklungen in den USA, wo Bundesstaaten wie Texas und Kalifornien beim Ausbau von Wind- und Solarenergie vorangehen, verdeutlicht, dass die Transformation der Energiesysteme international stattfindet und nicht allein eine deutsche Debatte ist.
Akzeptanz und Beteiligung vor Ort
Von besonderer Bedeutung für Leserinnen und Leser ist der Umgang mit lokalem Widerstand gegen Netzausbau und neue Wind- oder Solarparks. Wenn Projekte als reine Belastung wahrgenommen werden, wachsen Konflikte. Zurawski stellt deshalb Beteiligungsmodelle für Gemeinden und Kommunen heraus, bei denen ein Teil der Wertschöpfung vor Ort bleibt. Solche Modelle können dazu beitragen, Akzeptanz zu erhöhen und Genehmigungsprozesse zu beschleunigen. Für Bürgerinnen und Bürger wird damit greifbar, wie Energiewende konkret vor Ort aussehen kann – nicht nur als abstraktes Ziel, sondern als wirtschaftliche Chance.
