Einzelhandel: Erster Arbeitgeber-Vorschlag in Hamburg – Verdi lehnt ab
12.05.2026 - 01:12:01 | boerse-global.de
Die Tarifverhandlungen für die rund 5,2 Millionen Beschäftigten im deutschen Einzel- und Versandhandel kommen nur schleppend voran. Während die Arbeitgeber in Hamburg Anfang der Woche erstmals ein konkretes Angebot vorlegten, stecken die Gespräche in Bayern, Niedersachsen und anderen Bundesländern weiter fest. Die Gewerkschaft Verdi wies den Vorschlag aus dem Norden umgehend als unzureichend zurück.
Das Hamburger Angebot: 3,5 Prozent auf zwei Jahre
In der zweiten Verhandlungsrunde für die rund 90.000 Beschäftigten in Hamburg legte der Handelsverband Nord ein gestaffeltes Modell vor. Dieses sieht eine Gesamterhöhung von 3,5 Prozent bei einer Laufzeit von 24 Monaten vor. Konkret sollen die Löhne ab November 2026 um zwei Prozent steigen, weitere 1,5 Prozent folgen ab August 2027.
Eine Besonderheit: Sollte bis September dieses Jahres keine Einigung erzielt werden, droht eine automatische Verlängerung der Laufzeit auf 36 Monate. Die Arbeitgeber begründen dies mit dem Wunsch nach Planungssicherheit – die Branche leidet unter schwacher Konsumlaune und steigenden Betriebskosten.
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Verdi-Verhandlungsführerin Heike Lattekamp nannte das Angebot eine „Zumutung“. Der Haken: Die erste Erhöhung kommt erst in sechs Monaten. Effektiv beträgt die Steigerung im ersten Jahr gerade einmal ein Prozent. Bei einer Inflation von 2,8 Prozent, die zudem wieder anzieht, bedeutet das für die Beschäftigten einen realen Kaufkraftverlust.
Stillstand in den Flächenländern
Während in Hamburg Bewegung erkennbar ist, herrscht in anderen Regionen Funkstille. In Bayern – hier sind rund 320.000 Beschäftigte betroffen – endete die erste Gesprächsrunde Anfang Mai ergebnislos. Der Handelsverband Bayern (HBE) legte bewusst kein Angebot vor. Man habe zunächst die prekäre wirtschaftliche Lage der Branche darlegen wollen. Fast 1.000 Geschäfte könnten in diesem Jahr im Freistaat schließen, so die Einschätzung des Verbands.
Ähnlich das Bild in Niedersachsen und Bremen: Auch dort verweigerten die Arbeitgeber in der Auftaktrunde ein Angebot. Die Gewerkschaft kritisierte dies scharf. Die 330.000 Beschäftigten in der Region litten unter stark gestiegenen Lebenshaltungskosten, insbesondere bei Energie und Mieten.
Bereits im Frühjahr waren die Gespräche in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg ohne Ergebnis geblieben.
Die Kernforderungen der Gewerkschaft sind in allen Tarifgebieten identisch:
- Sieben Prozent mehr Lohn und Gehalt
- Mindestens 225 Euro mehr pro Monat
- Ein Einstiegsgehalt von 14,90 Euro pro Stunde
- 150 Euro mehr für Auszubildende
Wirtschaftlicher Hintergrund: Zwischen Inflation und Insolvenz
Die Tarifrunde trifft den Einzelhandel in einer schwierigen Phase. Der Konsumklima-Index des Handelsverbands Deutschland (HDE) zeigt weiter nach unten. Viele mittelständische Händler arbeiten mit sinkenden Margen. Die Arbeitgeber warnen: Zu hohe Lohnabschlüsse könnten eine Welle von Ladenschließungen und Entlassungen auslösen.
Die Gewerkschaft verweist dagegen auf die prekäre Lage der Beschäftigten. Das Durchschnittseinkommen im Einzelhandel liegt deutlich unter dem der Gesamtwirtschaft. Rund 3,4 Millionen Menschen arbeiten in der Branche – viele davon in Teilzeit. Besonders Frauen sind von Altersarmut bedroht.
Der gesetzliche Mindestlohn liegt seit Jahresbeginn 2026 bei 13,90 Euro. Bis 2027 wird ein Anstieg auf 14,60 Euro erwartet. Verdi fordert, dass die unteren Lohngruppen im Einzelhandel deutlich über diesem Niveau liegen müssen. Zum Vergleich: Der letzte Tarifabschluss (2023–2025) brachte insgesamt rund 14 Prozent mehr – doch die hohe Inflation der vergangenen Jahre hat diese Steigerung weitgehend aufgefressen.
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Warnstreiks und Ausblick auf Juni
Die Ablehnung des Hamburger Angebots macht weitere Arbeitskämpfe wahrscheinlicher. Bereits Anfang Mai legten Warnstreiks in Hamburg, Hessen und Niedersachsen mehrere Kaufhäuser, Möbelhäuser und Logistikzentren lahm. Die Gewerkschaft signalisiert, die Aktionen auszuweiten, falls die Arbeitgeber nicht nachbessern.
Die nächsten Termine stehen fest:
- 2. Juni 2026: Fortsetzung der Gespräche in Hamburg
- 16. Juni 2026: Zweite Runde in München für den bayerischen Einzelhandel
Experten gehen davon aus, dass das Hamburger Angebot – trotz seiner Ablehnung – als Blaupause für andere Regionen dienen könnte. Die Kluft zwischen den geforderten sieben Prozent und den angebotenen 3,5 Prozent ist jedoch gewaltig. Sollte bis zum Sommer keine Einigung gelingen, droht ein langwieriger Tarifkonflikt – ähnlich dem jahrelangen Streit im vorherigen Zyklus.
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