Ifo-Strategie warnt: Europa droht im KI-Wettbewerb zurückzufallen
Veröffentlicht am: 14.09.2026 um 07:45 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSEine Gruppe führender Ökonomen, Politiker und KI-Experten in Europa warnt vor einer möglichen Marginalisierung des Kontinents im internationalen Wettbewerb um Künstliche Intelligenz. Das Ifo-Institut teilte am Montag mit, dass die Koalition eine umfassende Strategie vorgelegt hat, die konkrete Maßnahmen zur Sicherung der europäischen Position im KI-Sektor vorschlägt.
Strategie für Zugang zu Spitzen-KI und mehr Infrastruktur
In dem Papier wird beschrieben, wie Europa sich dauerhaft Zugang zu Spitzen-KI sichern und gleichzeitig den Ausbau der nötigen Infrastruktur vorantreiben soll. Zudem enthält die Strategie Vorschläge, wie Bürger vor möglichen KI-bedingten Krisen geschützt werden können. Die frühere EU-Kommissarin Margrethe Vestager unterstrich die Dringlichkeit und forderte die EU-Mitgliedstaaten und die Kommission auf, unverzüglich zu handeln, um europäische Souveränität und Wohlstand zu bewahren.
Vestager kritisierte, dass Regierungen in der EU KI vielfach nicht ernst genug nähmen oder andere Prioritäten setzten. Die Empfehlungen des Berichts seien konkret und unmittelbar umsetzbar, sagte sie. Kommission und Mitgliedstaaten könnten demnach sofort Maßnahmen ergreifen, um die vorgeschlagene Strategie zu verwirklichen.
Warnungen vor Abhängigkeiten und Investitionsbedarf
Der französische Nobelpreisträger Philippe Aghion warnte, Europa laufe Gefahr, im Bereich KI ins Abseits zu geraten, falls nicht zügig gehandelt werde. Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats, betonte, dass erhebliche Investitionen notwendig seien, um die Infrastruktur für KI aufzubauen und Abhängigkeiten von ausländischen Mächten zu vermeiden.
Die Strategie zielt darauf ab, das strategische und wirtschaftliche Potenzial europäischer Engpassstellen in der globalen KI-Lieferkette besser zu nutzen. Gleichzeitig sollen die europäischen Institutionen für eine zunehmend von KI geprägte Welt ertüchtigt werden. Dazu gehört, Spitzen-KI-Expertise und -Technologie in Behörden und Institutionen zu integrieren, um mit der schnellen technologischen Entwicklung Schritt halten zu können.
Eigene Rechenzentren und Prüf-Technologie als Schlüssel
Ein Kernpunkt des Konzeptes ist, Europas Anteil an der globalen KI-Rechenleistung auf „europäische Art“ zu sichern. Dafür sollen leistungsfähige KI-Rechenzentren auf europäischem Boden entstehen, die einen dauerhaften Zugang auch zu ausländischen Spitzenmodellen gewährleisten und Abhängigkeiten reduzieren.
Die Autoren der Strategie sehen Europa zudem in der Rolle eines möglichen Marktführers bei Prüf- und Sicherungstechnologie für KI. Dazu zählt die Entwicklung von Hardware, deren Sicherheit und Nutzungsmuster nachweisbar sind. Solche Systeme sollen ausländische Spitzenmodelle aufnehmen können und zugleich die Einhaltung zukünftiger internationaler KI-Vereinbarungen überprüfbar machen.
Maßnahmen zur Krisenresilienz
Darüber hinaus enthält die Strategie Vorschläge, wie die Resilienz gegenüber KI-Krisen gestärkt werden kann. Ziel ist es, Bedrohungen für die öffentliche Sicherheit zu minimieren und sicherzustellen, dass europäische Gesellschaften und Institutionen mit möglichen Fehlentwicklungen oder Missbrauch von KI-Technologien umgehen können. Die Koalition aus Ökonomen, Politikern und Experten drängt darauf, diese Maßnahmen zügig umzusetzen, um ein weiteres Zurückfallen Europas im globalen KI-Wettbewerb zu verhindern.
Die Warnung der Ökonomen, Politiker und KI-Experten macht ein zentrales Spannungsfeld der europäischen Digitalpolitik sichtbar: Während die EU mit dem KI-Gesetz und strengen Datenschutzregeln international Standards setzt, bleibt sie bei Hochleistungsrechenzentren, Cloud-Infrastruktur und der Skalierung großer Modelle deutlich hinter den USA und China zurück.
Im Fokus der jetzt vorgestellten Strategie steht der Aufbau eigener Kapazitäten und die Verringerung von Abhängigkeiten. Bisher nutzen viele europäische Forschungsinstitutionen und Unternehmen Rechenleistung und Modelle, die von US-amerikanischen Technologiekonzernen bereitgestellt werden. Das schafft kurzfristig Zugang zu modernster Technologie, lässt Europa aber langfristig verwundbar gegenüber politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen außerhalb des eigenen Einflussbereichs.
Strategische Engpässe und Standortfrage
Die Betonung „europäischer“ Rechenzentren zielt auf mehrere Ebenen: Energieversorgung, Rechtssicherheit, Datensouveränität und Industriestrategie. Wer die physische KI-Infrastruktur kontrolliert, bestimmt Tempo und Richtung der Innovation. Gleichzeitig verweist die Strategie auf Engpassstellen in der globalen Lieferkette – etwa bei Spezialhardware, Zertifizierung und Prüfverfahren – bei denen Europa eigene Stärken ausbauen könnte, anstatt nur Technologie zu importieren.
Folgen für Unternehmen und Politik
Für Unternehmen würde eine stärkere europäische Infrastruktur bedeuten, dass sie sensible Daten und kritische Anwendungen unter europäischen Rahmenbedingungen betreiben können. Für die Politik stellt sich die Aufgabe, hohe Investitionssummen zu mobilisieren, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und zugleich Sicherheits- und Krisenvorsorge ernst zu nehmen. Die Mahnungen der Beteiligten deuten darauf hin, dass die kommenden Jahre entscheidend sein dürften, ob Europa in der KI-Entwicklung eigenständig mitgestaltet oder vor allem regulierend auf Technologien anderer Weltregionen reagiert.
