Umfrage: Viele Beschäftigte in Deutschland wären zu mehr Arbeit bereit – wenn Bedingungen stimmen
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Viele Beschäftigte in Deutschland sind laut einer neuen Umfrage bereit, mehr zu arbeiten – allerdings nur unter passenden Rahmenbedingungen.
Mehrarbeit bereits verbreitet
Nach der Befragung des Instituts Appinio im Auftrag der Jobseite Indeed gab mehr als die Hälfte der 1.000 befragten Erwerbstätigen an, Überstunden leisten zu wollen. Knapp 20 Prozent davon wären demnach sogar dauerhaft zu Mehrarbeit bereit. Zugleich arbeiteten bereits fast drei Viertel der Teilnehmenden mehr Stunden, als in ihren Arbeitsverträgen vorgesehen ist.
Wer keine zusätzliche Arbeitszeit übernehmen möchte, nannte dafür vor allem das Privatleben, die eigene Gesundheit, fehlende finanzielle Anreize und familiäre Verpflichtungen als Gründe. Die Untersuchung basiert nicht auf einer Zufallsstichprobe der Gesamtbevölkerung, das Geschlechterverhältnis wurde jedoch bewusst auf jeweils die Hälfte Frauen und Männer ausgelegt, um Vergleiche zwischen den Gruppen zu ermöglichen.
Anreize und Arbeitsbedingungen entscheidend
Indeed-Expertin Virginia Sondergeld betonte, allein eine stärkere Fokussierung auf mehr Arbeitsstunden greife in der Debatte um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu kurz. Viele Beschäftigte seien bereit, viel zu leisten, sofern sie selbst von ihrer Mehrarbeit profitierten. Als wirksame Anreize sehen die Befragten ein attraktiveres Grundgehalt, steuerliche Vorteile, flexiblere Arbeitszeiten und Bonuszahlungen.
Im Arbeitsalltag fühlen sich sie sich nach der Umfrage jedoch häufig ausgebremst, mehr während ihrer Arbeitszeit zu schaffen. Als Hauptursache wird akuter Personalmangel genannt. Dahinter folgen unnötige Bürokratie und langsame Prozesse, unklare Zielvorgaben und mangelhafte Führung sowie zu viele Besprechungen und veraltete technische Ausstattung.
Debatte über längere Arbeitszeiten polarisiert
Die politische Diskussion über längere Arbeitszeiten stößt laut den Erhebungen bei vielen Beschäftigten auf Unverständnis. Fast die Hälfte der Befragten gibt an, von dieser Debatte demotiviert zu sein, während rund ein Drittel sich davon angespornt fühlt.
Sondergeld hebt hervor, die Erhöhung der Arbeitsstunden sei nur ein möglicher Faktor, um die Wirtschaftsleistung zu steigern. Ebenso wichtig sei eine höhere Produktivität. Diese könne durch Investitionen in Infrastruktur und Technologie, auch im Bereich Künstliche Intelligenz, sowie durch Entbürokratisierung verbessert werden. Im besten Fall würden Beschäftigte dadurch von zeitintensiven Routineaufgaben entlastet, was Motivation und Arbeitszufriedenheit steigern könne.
Umfrage im Kontext der Arbeitszeitdebatte
Die Ergebnisse der Befragung von Appinio im Auftrag der Jobseite Indeed fallen in eine Phase, in der die Forderung nach längeren Arbeitszeiten in Deutschland deutlich an Schärfe gewonnen hat. In Politik und Wirtschaft wird seit Monaten diskutiert, wie die Wirtschaftsleistung gesteigert und der Fachkräftemangel gemildert werden kann – häufig mit dem Hinweis, Beschäftigte müssten mehr arbeiten. Vor diesem Hintergrund ist bemerkenswert, dass laut Umfrage bereits fast drei Viertel der Befragten mehr arbeiten als vertraglich vereinbart und mehr als die Hälfte grundsätzlich bereit ist, zusätzliche Überstunden zu leisten, wenn die Bedingungen stimmen.
Gleichzeitig verweist die Untersuchung auf eine zentrale Konfliktlinie der Debatte: Die politische Diskussion um längere Arbeitszeiten wird von etwa der Hälfte der Beschäftigten als demotivierend empfunden, während nur ein Drittel sich dadurch angespornt fühlt. Die Umfrage illustriert damit, dass Forderungen nach mehr Stunden allein nicht ausreichen, um Leistungsbereitschaft zu erhöhen. Beschäftigte benennen klar, was sie davon abhält, noch mehr zu arbeiten: Schutz des Privatlebens, Sorge um die eigene Gesundheit, fehlende finanzielle Anreize und familiäre Verpflichtungen. Diese Punkte verweisen auf die Bedeutung einer verlässlichen Work-Life-Balance und einer Vergütung, die Zusatzbelastung tatsächlich abbildet.
Produktivität, Strukturprobleme und Anreizsysteme
Die Befragten machen deutlich, dass nicht nur die Anzahl der Arbeitsstunden, sondern auch die Arbeitsorganisation eine Rolle spielt. Akuter Personalmangel, unnötige Bürokratie, langsame Prozesse, unklare Zielvorgaben, mangelhafte Führung, zu viele Besprechungen und veraltete Technik bremsen demnach viele Beschäftigte aus, mehr in derselben Zeit zu schaffen. Die von Indeed-Expertin Virginia Sondergeld betonte zweite Stellschraube – höhere Produktivität durch bessere Infrastruktur, Technologieeinsatz etwa im Bereich Künstliche Intelligenz und Entbürokratisierung – knüpft hier an. Für Leserinnen und Leser bedeutet das: Die aktuelle Arbeitszeitdebatte berührt nicht nur Fragen individueller Belastung, sondern auch strukturelle Modernisierung der Arbeitswelt.
Die Befragung ist nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung, erlaubt aber differenzierte Vergleiche zwischen Frauen und Männern und gibt Hinweise, unter welchen Bedingungen Mehrarbeit akzeptiert würde: attraktiveres Grundgehalt, steuerliche Privilegien, flexible Arbeitszeiten und Bonuszahlungen. Damit liefert sie Argumente für eine Debatte, die weniger auf pauschale Stundenforderungen und stärker auf Anreizsysteme, gute Organisation und Gesundheitsschutz setzt. Für Unternehmen und Politik eröffnet sich die Aufgabe, zusätzliche Arbeitszeit mit ausreichenden Gegenleistungen und besseren Rahmenbedingungen zu verknüpfen.
