Berufestudie: 59 Prozent arbeiten nur noch für das Geld
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 04:15 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
In Deutschland arbeiten laut einer neuen Yougov-Umfrage für die Berufestudie des Versicherers HDI inzwischen 59 Prozent der Menschen nur noch oder hauptsächlich des Geldes wegen.
Deutlicher Anstieg binnen eines Jahres
Der Anteil liegt 17 Prozentpunkte höher als im Vorjahr und fast doppelt so hoch wie 2019, vor der Corona-Pandemie. Zugleich sagte mehr als die Hälfte der 15- bis 54-Jährigen, sie würde die berufliche Arbeit so schnell wie möglich beenden, wenn sie finanziell nicht mehr darauf angewiesen wäre.
Bei den 55- bis 64-Jährigen lag dieser Anteil sogar bei 63 Prozent. Im vergangenen Jahr waren beide Altersgruppen noch deutlich stärker auf den Beruf ausgerichtet.
Beruf verliert an Bedeutung
Die Auftraggeber der Studie sprechen von einem spürbaren Wertewandel. In der jüngeren und mittleren Altersgruppe sagte allerdings weiterhin eine Mehrheit von 54 Prozent, ein Leben ohne Arbeit sei für sie nicht vorstellbar.
Für die Untersuchung wurden vom 10. Juni bis 3. Juli insgesamt 3.844 Erwerbstätige befragt. Die Ergebnisse sind nach Angaben von HDI repräsentativ für Deutschland und die einzelnen Bundesländer.
Gemischte Erwartungen an KI
Ein Schwerpunkt der Befragung war Künstliche Intelligenz. Jeweils etwa ein Viertel erwartet oder erlebt positive Effekte bei der Entlastung von Routineaufgaben, bei persönlichen Arbeitsergebnissen und bei der Produktivität.
Gleichzeitig rechnen 42 Prozent mit Stellenabbau durch KI. Neun Prozent gaben an, diese Erfahrung bereits im eigenen Umfeld gemacht zu haben.
IT-Berufe besonders gefährdet gesehen
41 Prozent der Befragten glauben, dass KI menschliche Entwickler in der Informationstechnologie überflüssig machen könnte. Danach folgen Finanz- und Steuerberater mit 38 Prozent, Beschäftigte in Werbung und Marketing mit 36 Prozent sowie Verwaltungsangestellte mit 35 Prozent.
Als am wenigsten gefährdet gelten Köchinnen und Köche: Nur drei Prozent halten es für möglich, dass KI Menschen am Herd ersetzen kann.
Arbeit verliert an Bindekraft
Die Befunde markieren keinen vollständigen Abschied vom Beruf, sondern eine Verschiebung seiner Bedeutung. Dass 54 Prozent der bis 54-Jährigen ein Leben ohne Arbeit weiterhin nicht für vorstellbar halten, steht neben dem Wunsch, bei finanzieller Unabhängigkeit möglichst schnell aufzuhören. Berufliche Identität und Erwerbsarbeit werden damit stärker voneinander getrennt.
Besonders auffällig ist der Rückgang bei den 55- bis 64-Jährigen. Gerade diese Altersgruppe galt lange als besonders eng mit dem Berufsleben verbunden. Der Wandel kann für Arbeitgeber Folgen haben: Nicht nur Gehalt, sondern auch Arbeitsbedingungen, Zeitsouveränität, Gesundheitsschutz und verlässliche Perspektiven werden wichtiger, wenn Unternehmen Beschäftigte halten wollen.
KI verschärft die Unsicherheit
Die KI-Ergebnisse fügen der Debatte eine technologische Ebene hinzu. Ein Teil der Beschäftigten erwartet Entlastung und höhere Produktivität, zugleich rechnet eine große Gruppe mit Stellenabbau. Besonders die Sorge um IT-Entwickler zeigt, dass selbst qualifizierte und bislang zukunftssichere Tätigkeiten als veränderbar gelten.
Die praktische Entwicklung verläuft dabei nicht nur über ersetzte Stellen. Ein aktueller Einblick aus Schleswig-Holstein beschreibt, wie ein Softwareunternehmen sein Geschäftsmodell auf Integration, Absicherung und die Fertigstellung KI-generierten Codes ausrichtet. Für Beschäftigte bedeutet das vor allem: Tätigkeitsprofile können sich rasch verändern, während Weiterbildung und klare Regeln für den KI-Einsatz an Bedeutung gewinnen.
