Digitalisierung am Arbeitsplatz: Körperlich Beschäftigte haben 20 Prozent mehr Krankheitstage
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 06:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die zunehmende algorithmische Steuerung von Arbeitsabläufen, veränderte Qualifikationserwartungen an Nachwuchskräfte sowie praktische Herausforderungen bei der Einführung entsprechender Werkzeuge prägen den betrieblichen Alltag. Wie aktuelle Untersuchungen und Branchenberichte zeigen, klafft zwischen der strategischen Relevanz von Systemen mit künstlicher Intelligenz und deren flächendeckender Umsetzung weiterhin eine Lücke.
Hürden und Anwendung in Betrieben und Fertigung
Laut einer KPMG-Erhebung stufen 97 Prozent der Unternehmen künstliche Intelligenz als relevant ein, doch weniger als 1 Prozent hat entsprechende Anwendungen über alle betrachteten Bereiche hinweg vollständig integriert.
Eine Studie von Strand Partners im Auftrag von AWS beziffert den Anteil deutscher Betriebe, die entsprechende Werkzeuge nutzen, auf 63 Prozent – gegenüber 54 Prozent im EU-Durchschnitt. Allerdings setzen demnach lediglich 15 Prozent der hiesigen Unternehmen diese transformativ ein.
Nach Angaben einer Untersuchung des Beratungsunternehmens Slalom betrachten 78 Prozent der befragten Führungskräfte in Deutschland die Technologie als Mittel zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung, während 39 Prozent damit neue Geschäftsmodelle verknüpfen. International liegt dieser Vergleichswert bei 48 Prozent.
Fachorganisationen im Elektrohandwerk betonen, dass Betriebe vor dem Einsatz digitaler Assistenten zunächst Prozesse, Zuständigkeiten und die Datenerfassung strukturieren müssen. Werkzeuge für Besprechungszusammenfassungen, Terminplanungen oder Angebotstexte böten einen Einstieg, erforderten jedoch Schulungen zu Datenschutz und die frühzeitige Einbindung der Beschäftigten.
Im industriellen Bereich präsentierte EGS Automation im September auf der Fachmesse AMB in Stuttgart ein kamerabasiertes System für die beschickende Fertigung in Kleinserien. Die Anwendung erkennt unsortierte Teile und Beschädigungen vor der Bearbeitung und plant Roboterbewegungen ohne manuelle Code-Programmierung.
Personalsteuerung, Qualifizierung und Gesundheitseffekte
Große Unternehmen etablieren umfassende Qualifizierungsansätze. Der Versicherungskonzern Talanx mit rund 24.000 Mitarbeitenden setzt auf eine dreistufige Vorgehensweise, bei der Anwendungsideen sichtbar gemacht, Beschäftigte geschult und erfolgreiche Szenarien skaliert werden.
Mehr als 430 geschulte Begleiter unterstützen im Unternehmen beim Einsatz von Microsoft Copilot in Bereichen wie Kundenservice, Underwriting oder Recht.
Softwarekonzern SAP beschreibt Funktionen zur Personalintelligenz in der SAP Business Data Cloud, die Mitarbeiter-, Betriebs- und Qualifikationsdaten verknüpfen, um Bindungsrisiken und Weiterbildungsbedarfe zu erkennen und künftige Handlungsoptionen durch automatisierte Agenten zu unterstützen.
Die technologische Transformation stellt hohe Anforderungen an die Compliance und IT-Sicherheit in modernen Unternehmen. Dieser kostenlose Download verschafft Ihnen den Überblick über Fristen, Pflichten und Risikoklassen, den Ihre Fachabteilungen jetzt dringend brauchen. EU AI Act in 5 Schritten verstehen
Der Wandel verläuft nicht ohne Belastungen. Eine gemeinsame Analyse des Ifo-Instituts, des IAB und der Universität Konstanz auf Basis von Befragungen und Sozialversicherungsdaten der Jahre 2011 bis 2019 zeigt, dass Beschäftigte mit überwiegend körperlicher Tätigkeit bei fortschreitender Digitalisierung über eine schlechtere Gesundheit klagen und im Schnitt rund 20 Prozent mehr Krankheitstage pro Jahr aufweisen.
Bei Büro- und Wissensberufen zeigte sich kein negativer Zusammenhang. Schulungsangebote und betriebliche Unterstützung können diese Effekte der Untersuchung zufolge abmildern.
Verschärfte Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt
Parallel zur Automatisierung geraten Berufseinsteiger unter Druck. Daten der Stellenplattform Indeed belegen, dass die Zahl der ausgeschriebenen Einstiegspositionen in Deutschland seit dem Sommer 2022 um mehr als zwei Drittel gesunken ist.
In der IT und im Marketing beläuft sich das Minus auf 75 Prozent. Insgesamt gingen die Ausschreibungen gegenüber November 2022 um 37 Prozent zurück; Zuwächse verzeichneten vor allem therapeutische Berufe sowie die Gastronomie und Pflege.
Erhebungen der New Yorker Notenbank und von Eurostat weisen darauf hin, dass die Erwerbslosigkeit junger Hochschulabsolventen in den USA und in Deutschland über den allgemeinen Quoten liegt. In der Schweiz stieg die landesweite Erwerbslosenquote von Masterabsolventen der Wirtschaftswissenschaften innerhalb von zwei Jahren von 3,5 Prozent auf 8,5 Prozent, wie Daten der Universität Bern verdeutlichen.
Auf gesamtwirtschaftlicher Ebene prognostiziert die Zürcher Volkswirtschaftsdirektion spürbare Effekte: Sprachmodelle könnten die Produktivität im Kanton Zürich jährlich um 1,1 Prozentpunkte anheben, die Robotik um weitere 0,3 Punkte. Gleichzeitig stiegen dort die Arbeitslosmeldungen in Berufen mit hoher Exponierung gegenüber künstlicher Intelligenz seit 2022 um 118 Prozent, wenngleich ein kausaler Zusammenhang bislang nicht belegt ist.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Überwachung
Mit der europäischen KI-Verordnung kommen zudem neue Pflichten auf Betriebe zu. Für Betreiber von Hochrisikosystemen sieht das Regelwerk Nutzungsüberwachungen, die Einweisung von Beschäftigten sowie eine mindestens sechsmonatige Protokollaufbewahrung vor.
Da die EU-KI-Verordnung neue Regeln aufstellt, die für viele Betriebe noch unklar sind, ist eine rechtzeitige Aufklärung über Risikoklassen entscheidend. Dieser kostenlose Report klärt auf, welche Systeme als Hochrisiko gelten und was Unternehmen jetzt konkret tun müssen. Kostenlosen Umsetzungsleitfaden zum EU AI Act herunterladen
Entsprechende Bestimmungen treten schrittweise am 2. Dezember 2027 und 2. August 2028 in Kraft. Da automatisierte Kontrollen Rückschlüsse auf das Arbeitsverhalten zulassen, greifen Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte. Anbieter wie Anthropic speichern Eingaben und Resultate bei Richtlinienverstößen zudem bis zu sieben Jahre.
