Digitales Ticket: NRW und Hamburg planen bundesweiten Tarif
Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 16:58 Uhr | dpa, AD HOC NEWSStreit über Ticketmodell und Finanzierung
- Nordrhein-Westfalen und Hamburg beantragen bei der Verkehrsministerkonferenz eine Arbeitsgruppe.
- Die Konferenz beginnt am Mittwoch im bayerischen Hohenschwangau.
- Im September wurden mit eezy.nrw mehr als 1,4 Millionen Fahrten abgerechnet.
- Das Deutschlandticket kostet derzeit 63 Euro und im kommenden Jahr 66,80 Euro pro Monat.
Digitales Ticket soll Gelegenheitsfahrer erreichen
Nordrhein-Westfalen und Hamburg wollen ein bundesweites digitales Ticket für Gelegenheitsfahrer prüfen lassen. Das Angebot soll Fahrtbeginn und -ende per Smartphone erfassen und monatlich höchstens den Preis des Deutschlandtickets berechnen.
Die Länder haben dafür einen Antrag zur Herbstkonferenz der Verkehrsminister eingebracht, die am Mittwoch im bayerischen Hohenschwangau beginnt. Zunächst soll eine Arbeitsgruppe ein Konzept für das neue System entwickeln.
Bayern lehnt zusätzliche Leistung ab
Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter, der derzeit den Vorsitz der Verkehrsministerkonferenz führt, wies den Vorstoß zurück. Wegen der angespannten Finanzlage sei nicht die Zeit für weitere Leistungen; außerdem sehe er weder die Zustimmung des Bundes noch die notwendige Einstimmigkeit der Länder.
Das Modell soll sich am System eezy.nrw orientieren. Dort werden Fahrgäste digital ein- und ausgecheckt, anschließend wird der günstigste Tarif berechnet. Nach Angaben des nordrhein-westfälischen Verkehrsministeriums wurden im September mehr als 1,4 Millionen Fahrten auf diese Weise abgerechnet.
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NRW sieht bundesweites Potenzial
Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Krischer nannte das bestehende System eine Möglichkeit, Gelegenheitsfahrern bundesweit einen einfachen Zugang zum Nahverkehr zu bieten. Niedersachsen signalisierte grundsätzliche Unterstützung, verwies aber auf offene Fragen bei Tarifen, Mitnahmeregeln, Finanzierung und Einnahmeaufteilung.
Der Fahrgastverband Pro Bahn unterstützt den Vorschlag und plädiert dafür, auch Gruppen und Familien einzubeziehen. Das Deutschlandticket kostet derzeit 63 Euro im Monat und soll im kommenden Jahr 66,80 Euro kosten.
Verkehrsunternehmen warnen vor Mehrkosten
Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen lehnt den Vorstoß ab. Ein zusätzliches Angebot verursache Kosten und stelle die Logik des Deutschlandtickets als monatlich kündbares Flatrate-Abo infrage, erklärte der Verband.
Die Branche und die Länder hätten dafür kein Geld, hieß es weiter. Als Beispiele wurden Sparziele für Hamburger Verkehrsunternehmen und Kürzungen bei der Förderung von Elektrobussen in Nordrhein-Westfalen genannt.
Der Vorschlag zielt auf eine Lücke im heutigen Tarifsystem: Das Deutschlandticket lohnt sich vor allem für Menschen, die Regionalverkehr regelmäßig nutzen. Wer nur einzelne Fahrten oder wenige Tage im Monat mit Bus und Bahn unterwegs ist, bezahlt mit einem Monatsabo häufig mehr als mit Einzelfahrscheinen. Ein automatisch berechneter Tarif könnte diese Entscheidung vereinfachen und die Nutzung des Nahverkehrs für Gelegenheitsfahrer attraktiver machen.
Das Vorbild aus Nordrhein-Westfalen zeigt zugleich, dass ein digitales Check-in- und Check-out-System technisch bereits eingesetzt wird. Die im September abgerechneten mehr als 1,4 Millionen Fahrten geben dem Modell eine relevante Größenordnung. Für eine bundesweite Lösung müssten jedoch Verkehrsverbünde, Länder und Verkehrsunternehmen gemeinsame Regeln für Tarife, Mitnahmen, Abrechnung und Datenschutz festlegen.
Finanzierung entscheidet über Umsetzung
Politisch steht der Vorschlag deshalb zwischen zwei Zielen: Einerseits soll der Nahverkehr zusätzliche Fahrgäste gewinnen, andererseits stehen viele Verkehrsunternehmen und Länder unter erheblichem Kostendruck. Ein bundesweites Angebot dürfte nur funktionieren, wenn geklärt ist, wer Einnahmeausfälle, technische Infrastruktur und mögliche Zuschüsse trägt. Der Streit über die Finanzierung könnte damit wichtiger werden als die technische Umsetzung.
Für Fahrgäste wäre ein solches Ticket vor allem dann relevant, wenn die automatische Abrechnung tatsächlich günstiger als Einzel- und Tageskarten bleibt und bundesweit einheitlich funktioniert. Die Verkehrsministerkonferenz soll zunächst über eine Arbeitsgruppe beraten. Eine sofortige Einführung ist damit nicht verbunden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
ZDFheute: „ÖPNV: Minister wollen bundesweites Ticket für Gelegenheitsfahrer“ (20.10.2026)
Der Beitrag bestätigt den Vorstoß von Nordrhein-Westfalen und Hamburg und beschreibt den vorgesehenen smartphonebasierten In/Out-Tarif. Im Mittelpunkt stehen der digitale Check-in und Check-out sowie die Entlastung von Menschen, für die sich ein Deutschlandticket nicht rechnet.
tagesschau: „Verkehrsminister planen Deutschlandticket für Gelegenheitsfahrer“ (20.10.2026)
Auch dieser Bericht stellt den Länderantrag und das Vorbild aus Nordrhein-Westfalen heraus. Der Schwerpunkt liegt auf dem möglichen Nutzen für Gelegenheitsfahrer; offen bleibt wie in der dpa-Meldung vor allem die Finanzierung einer bundesweiten Lösung.
Die Beiträge stimmen beim Kern des Vorschlags überein. Unterschiede ergeben sich vor allem bei der Gewichtung von digitalem Verfahren, Nutzergruppe und Finanzierungsfragen.

