Digitale Souveränität: 89% wollen es, aber die Hälfte scheitert
08.06.2026 - 20:06:56 | boerse-global.de
Eine aktuelle Studie zeigt: Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist gewaltig.
89 Prozent wollen digitale Souveränität – doch die Hälfte scheitert
Laut einer heute veröffentlichten Studie des Münchner Unternehmens Retarus betrachten 89 Prozent der europäischen Unternehmen digitale Souveränität als hohe Priorität. Für 94 Prozent ist sie sogar ein entscheidendes Kriterium bei der Dienstleister-Wahl.
Die Realität sieht anders aus: Rund die Hälfte der befragten Firmen ist weiterhin von außereuropäischen Anbietern abhängig. Zwar geben 80 Prozent an, die volle Kontrolle über ihre Daten zu besitzen – doch die operativen Möglichkeiten stützen diesen Glauben nur bedingt.
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Lediglich 49 Prozent der Unternehmen können ihre E-Mail-Konten ohne Dienstleister migrieren. Nur 61 Prozent setzen Sicherheitsrichtlinien eigenständig um. Besonders kritisch: Gerade einmal 41 Prozent der Betriebe können kurzfristig auf Prüfanfragen reagieren. Die Studie basiert auf einer Befragung von 149 Unternehmen in Deutschland, Frankreich und Spanien aus dem Frühjahr 2026.
CAIDA: Das neue Gesetz gegen AWS und Microsoft
Die EU-Kommission kontert mit dem „Technologiesouveränitätspaket“. Kernstück ist der Cloud and AI Development Act (CAIDA). Das Ziel: Die Abhängigkeit von US-Hyperscalern wie Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google reduzieren. Aktuell kontrollieren sie rund 70 Prozent des europäischen Cloud-Marktes. Der Anteil europäischer Anbieter sank von 29 Prozent im Jahr 2017 auf zuletzt 15 Prozent.
Das Gesetz sieht ein vierstufiges Souveränitätsmodell vor. Die erste Stufe verlangt lediglich einen Rechenzentrumsstandort in der Region. Die zweite Stufe schließt US-Anbieter für sensible öffentliche Aufträge aus. In Bereichen wie Justiz, Verteidigung oder Gesundheitswesen soll künftig vollständige europäische Kontrolle gelten.
Der US CLOUD Act bleibt das Kernproblem
Die Sorge vor US-Zugriffen ist in der Wirtschaft groß. Laut der Retarus-Studie befürchten 56 Prozent der Unternehmen negative Auswirkungen durch den US CLOUD Act von 2018. Das Gesetz erlaubt US-Behörden den Zugriff auf Daten, die von US-Unternehmen verwaltet werden – unabhängig vom Speicherort.
Rechtliche Gutachten der Universität Köln im Auftrag des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2025 bestätigen: Ein reiner Serverstandort in Deutschland bietet keinen Schutz, solange der Betreiber ein US-Unternehmen ist. Entscheidend ist nicht der Speicherort, sondern das Kontrollrecht des Betreibers.
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Ein führender US-Softwarekonzern räumte bereits Mitte 2025 vor einem französischen Gremium ein, die Datenweitergabe an US-Behörden rechtlich nicht garantieren zu können.
Europäische Alternativen wachsen – mit Startschwierigkeiten
Für den Sommer 2026 ist der Start von „Euro-Office“ angekündigt. Das Konsortium unter Führung von Nextcloud und Ionos will Dokumentenbearbeitung, E-Mail und Videokonferenzen in europäischen Rechenzentren bündeln. Die Open-Source-Plattform soll Schutz vor US-Zugriffen bieten.
Doch das Projekt steht bereits vor Herausforderungen: Ein Kooperationspartner wirft dem Konsortium Lizenzverstöße bei einer verwendeten Softwarekomponente vor.
Experten setzen zudem auf technische Schutzmaßnahmen. Digitale Souveränität sei vor allem eine Frage der Kontrolle über kryptografische Schlüssel. Verfahren wie clientseitige Verschlüsselung könnten den Zugriff durch Cloud-Betreiber technisch verhindern.
Der Markt für souveräne Cloud-Lösungen soll laut Analysten bis 2031 von rund 20 Milliarden auf über 100 Milliarden Euro wachsen. Die EU-Kommission plant Investitionen von rund 200 Milliarden Euro für Rechenzentren und weitere 100 Milliarden Euro für Cloud- und KI-Infrastrukturen bis 2036. Ziel: Die Kapazitäten in Europa innerhalb von fünf bis sieben Jahren verdreifachen.
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