DGUV-Barometer: 90% der Beschäftigten sehen Arbeitsschutz als Stabilitätsfaktor
27.05.2026 - 15:09:35 | boerse-global.de
Die vierte Auflage seit 2007 soll Sicherheit und Nachhaltigkeit neuartiger Materialien über deren gesamten Lebenszyklus garantieren.
Im Zentrum steht das Konzept „Safe-and-Sustainable-by-Design" (SSbD). Es zwingt Entwickler, Risiken nicht erst bei der Entsorgung, sondern bereits bei der Konzeption zu bedenken. Ein systematisches Horizon Scanning soll Trends in der Materialentwicklung erfassen, noch bevor diese Marktreife erlangen.
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Flankiert wird der Vorstoß durch die aktualisierte „Gefährdungsbeurteilung" der BAuA. Das Handbuch hilft Unternehmen, Arbeitsplätze sicher zu gestalten – besonders dort, wo mit neuartigen Stoffen hantiert wird.
Kreislaufwirtschaft auf dem Prüfstand
Wie nachhaltige Materialkonzepte in der Praxis aussehen, zeigen aktuelle Projekte. Das BMW-Konsortium „Future Sustainable Car Materials" (FSCM) hat erfolgreich Polyamid-6-Rezyklate für Hochvolt-Speicher getestet. Bis zu 30 Prozent Rezyklat-Anteil sind drin.
Überraschendes Detail: Alte Fischernetze aus dem Meer taugen nicht für den Serieneinsatz. Sie erfüllen die strengen Anforderungen an Kriechstromfestigkeit nicht. Besser geeignet sind Pre-Consumer-Rezyklate aus der Textilproduktion.
Einen ungewöhnlichen Weg geht das Helmholtz-Zentrum Hereon. Die Forscher stellten einen Magnesiumschaum vor, der mit gemahlenem Austernschalenpulver hergestellt wird. Das Pulver dient als Treibmittel und bildet die Porenstruktur. Der Werkstoff ist vollständig recycelbar und löst sich im Meerwasser rückstandslos auf.
Auch die TU Graz meldet Fortschritte: Ein neues Wandsystem mit reversiblen Fugen ermöglicht die zerstörungsfreie Wiederverwendung von Ziegeln. Über drei Nutzungszyklen spart das rund 60 Prozent CO2-Emissionen im Vergleich zur herkömmlichen Bauweise.
Quantencomputer beschleunigen Materialentwicklung
Das Fraunhofer-Institut für Silicatforschung und das Mailänder Unternehmen Algorithmiq wollen künftig zusammenarbeiten. Ziel ist der Einsatz hybrider Quantenalgorithmen für komplexe chemische Simulationen – etwa zur Entwicklung ressourcenschonender Magnete.
Covestro eröffnete ein neues Anwendungsentwicklungszentrum für thermoplastisches Polyurethan im chinesischen Guangzhou. Modernste Simulationslinien sollen die Markteinführung maßgeschneiderter Materiallösungen beschleunigen.
Die Universität Leipzig präsentierte ein optimiertes Enzym namens PHL7. Es zersetzt PET unter industriellen Bedingungen deutlich schneller als bisherige Varianten. Durch gezielte Mutationen bleibt es jetzt sogar in Leitungswasser aktiv. Das Spin-off Ester-Biotech plant den Bau einer Pilotanlage.
Arbeitsschutz als Stabilitätsfaktor
Laut dem DGUV Barometer Arbeitswelt 2026 betrachten neun von zehn Beschäftigten den Arbeitsschutz als wesentlichen Stabilitätsfaktor für die Krisenresilienz ihres Unternehmens. 94 Prozent der Führungskräfte wollen gesundes Arbeiten bis zum Renteneintritt ermöglichen. Ein Drittel der Firmen hat die Ausgaben für den Arbeitsschutz bereits erhöht.
Klassische Risiken bleiben trotz technologischer Fortschritte bestehen. 53 Prozent der Befragten nannten Stolpern, Rutschen und Stürzen als Hauptunfallrisiko, 50 Prozent empfinden Stress als erhebliche Belastung.
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Hier setzen Assistenzsysteme an. Eine Studie der Universitätsmedizin Magdeburg untersuchte den Einsatz passiver Exoskelette in der Pflege. Die Systeme entlasten Pflegekräfte bei Hebetätigkeiten spürbar. Ökonomisch rechnet sich der Einsatz bereits, wenn dadurch wenige Krankheitstage pro Jahr vermieden werden.
Analyse: Innovationstempo trifft auf Regulierung
Die Parallelität der Veröffentlichungen zeigt eine Branche im Umbruch. Während Forschung und Industrie auf Kreislaufwirtschaft und digitale Simulationen setzen, ziehen die Behörden den Sicherheitsrahmen enger.
Der Ansatz, Forschung und Regulatorik zu verzahnen, reagiert auf die wachsende Komplexität neuer Werkstoffe. Deren Langzeitwirkungen sind oft noch nicht vollständig erforscht. Die Integration von Nachhaltigkeitszielen in den Arbeitsschutz deutet auf einen Paradigmenwechsel hin: Es geht nicht mehr nur um unmittelbare Gefahren am Arbeitsplatz, sondern um eine ganzheitliche Betrachtung von der atomaren Ebene bis zur Wiederverwertung.
Ausblick: Bio-basierte Lösungen auf dem Vormarsch
Am 16. und 17. Juni 2026 veranstaltet das Fraunhofer IWU ein Symposium zur Pultrusion. Im Fokus stehen thermoplastische Matrixsysteme, die eine vollständige Recyclingfähigkeit von Profilen ermöglichen sollen.
Langfristig wird die Industrialisierung bio-basierter Lösungen die Branche prägen. Mit der geplanten Pilotanlage von Ester-Biotech und den Fortschritten bei bio-inspirierten Leichtbaustoffen rückt eine ressourcenschonende Produktion in greifbare Nähe. Die Herausforderung: Diese Innovationen unter den geschärften Sicherheitsvorgaben in die großindustrielle Anwendung zu überführen.
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