Datensouveränität, Angebote

Datensouveränität: EU ist bei mehr als 80 Prozent digitaler Technik abhängig

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 22:34 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Mehr als 80 Prozent der digitalen Angebote hängen in der EU von Anbietern außerhalb Europas ab. Fachleute setzen auf offene Standards und Wechselmöglichkeiten.

Digitale Souveränität Europas: Abhängigkeiten, Risiken und Lösungsansätze
Weitläufige, nebelige Industrielandschaft mit Strommasten und weitem Horizont als Symbol für digitale Souveränität. Illustration mit AI erstellt.

Für eine wirksame Datensouveränität reicht die bloße geografische Speicherung innerhalb nationaler oder europäischer Grenzen nicht aus. Wie aus aktuellen Fachbeiträgen und Einschätzungen von Branchenexperten hervorgeht, ist die sogenannte Datenresidenz zwar eine notwendige Voraussetzung, jedoch keineswegs hinreichend. Eine echte Souveränität hänge maßgeblich von operativer Kontrolle, der rechtlichen Zuständigkeit sowie technologischer Unabhängigkeit ab.

Rechtliche Zugriffsrisiken trotz lokaler Rechenzentren

Als zentrales Problem heben Fachleute die rechtlichen Rahmenbedingungen internationaler Anbieter hervor. Über den US Cloud Act können US-Behörden US-amerikanische Cloud-Dienstleister zur Herausgabe gespeicherter Daten verpflichten.

Diese Regelung greift selbst dann, wenn sich die physischen Rechenzentren an europäischen Standorten wie Frankfurt am Main oder Dublin befinden. Branchenexperten rechnen vor diesem Hintergrund für die kommenden 12 bis 18 Monate mit einer zunehmend fragmentierten Regulierung sowie einer wachsenden Zahl regional abgegrenzter Datenumgebungen.

Auch Gian Luca Trequattrini, Vizegeneraldirektor der Banca d’Italia, betonte bei der Konferenz WeSec, dass digitale Souveränität nicht mit vollständiger Autarkie verwechselt werden dürfe. Es gehe vielmehr um Wahlfreiheit und kontrollierbare Abhängigkeiten.

In diesem Zusammenhang wies Trequattrini auf ein deutliches Ungleichgewicht hin: So beliefen sich die privaten KI-Investitionen im Zeitraum von 2013 bis 2023 in Europa auf 20 Milliarden US-Dollar, während in den USA 330 Milliarden US-Dollar und in China 100 Milliarden US-Dollar investiert wurden.

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Zudem drohe eine Fachkräftelücke. Bei Fortschreibung des aktuellen Trends rechne die Europäische Union bis 2030 mit 12 Millionen ICT-Fachkräften – das offizielle Ziel der EU-Kommission liegt hingegen bei 20 Millionen.

Vermeidung von Lock-in-Effekten und Interoperabilität

Martin Merz von SAP hob in einem Interview hervor, dass digitale Souveränität voraussetze, Abhängigkeiten transparent zu gestalten, Anbieterwechsel zu ermöglichen und den Fortlauf kritischer Prozesse selbst bei Störungen sicherzustellen. Er plädierte für gemeinsame europäische Standards, Zertifizierungen und interoperable Schnittstellen in den Bereichen Cloud, KI und Cybersicherheit, kombiniert mit national anpassbaren Schutzmodellen.

Instrumente wie der Cloud and AI Development Act (CADA) sowie der vorgeschlagene EU Public Procurement Act könnten dabei helfen, einheitliche Anforderungen zu etablieren.

Die Organisation Digital New Deal empfiehlt Unternehmen in einem Meinungsbeitrag, Abhängigkeiten vertraglich abzusichern, reversible Architekturen zu wählen und diversifizierte Anbieterstrukturen zu nutzen. Geschlossene Plattformen stellen insbesondere für öffentliche Verwaltungen ein hohes wirtschaftliches und organisatorisches Risiko dar, da Migrationen oft kostspielig und technisch komplex sind.

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Europäische Initiativen zur Verringerung der Abhängigkeit

Die Dringlichkeit dieser Maßnahmen spiegelt sich in Zahlen der EU-Kommission wider, die im Rahmen ihres Technologie-Souveränitätspakets COM 2026 503 vom 3. Juni 2026 vorgelegt wurden: Demnach ist die Europäische Union bei mehr als 80 Prozent ihrer digitalen Produkte, Dienste, Infrastrukturen und Schutzrechte von außereuropäischen Unternehmen abhängig.

Europäische Cloud-Anbieter verloren zwischen 2017 und 2022 drastisch an Boden, ihr Marktanteil sank von 29 Prozent auf 15 Prozent, während über 70 Prozent des Marktes auf drei US-Hyperscaler entfielen.

Initiativen zur Stärkung von Open-Source-Lösungen und herstellerunabhängigen Schnittstellen sollen künftig Abhilfe schaffen, um die operative Hoheit über Systeme und Daten langfristig abzusichern.

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