Dänemark CO2-Speicherung im Meeresgrund: Projekt Greensand startet industriellen Regelbetrieb
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 04:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
In der dänischen Hafenstadt Esbjerg ist eine Lagerstätte zur Speicherung von Kohlendioxid im Meeresgrund offiziell eröffnet worden.
König Frederik X. gibt Startsignal für Regelbetrieb
Dänemarks König Frederik X. nimmt am Freitag in Esbjerg die feierliche Eröffnung der Anlage vor, in der CO2 in großer Tiefe unter dem Meeresboden gespeichert wird. Bereits seit 2023 wird in der dänischen Nordsee auf dem ausgeförderten Ölfeld Nini West die Einlagerung von Kohlendioxid erprobt. In der Pilotphase des Projekts "Greensand" wurden jährlich rund 15.000 Tonnen verflüssigtes CO2 in ungefähr 1.800 Metern Tiefe eingebracht.
Kapazität soll deutlich steigen
Mit dem nun beginnenden Regelbetrieb sollen zunächst bis zu 400.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr zu der ausgedienten Ölplattform transportiert und dort im Meeresgrund gespeichert werden. Die Technologie wird als Carbon Capture and Storage (CCS) bezeichnet und beschreibt das Einfangen von CO2 beispielsweise aus Industrieprozessen sowie dessen anschließende Einlagerung in unterirdische Speicherstätten. Fachleute bewerten CCS als sichere Methode, während Umweltschützer befürchten, dass die Technik ambitionierte Emissionsminderungen an der Quelle ausbremsen könnte.
Greensand als erste industrielle CO2-Speicherstätte in der EU
Vor der Küste Norwegens existiert bereits eine Anlage zur kommerziellen CO2-Speicherung, doch nach Angaben der Verantwortlichen ist Greensand die erste Speicherstätte in der Europäischen Union, in der Kohlendioxid im industriellen Maßstab im Meeresgrund lagert. An dem Projekt in der Nordsee arbeiten der britische Chemiekonzern Ineos, Harbour Energy und das staatliche dänische Unternehmen Nordsøfonden zusammen. Perspektivisch sollen vier bis acht Millionen Tonnen CO2 pro Jahr gespeichert werden, was Experten mit Blick auf die europäischen Emissionen jedoch als sehr geringe Menge einstufen.
Unvermeidbare Emissionen und wirtschaftliche Hürden
Ein dänischer Professor für nachhaltige Energieplanung verweist darauf, dass Klimaneutralität ohne irgendeine Form der CO2-Lagerung kaum erreichbar sei, da insbesondere in Branchen wie der Zementindustrie Emissionen nur schwer zu vermeiden sind. Zugleich bleibe die Technologie bislang für viele Unternehmen zu teuer, weshalb günstigere Alternativen bevorzugt würden. Der Preis gilt daher als eines der zentralen Hindernisse für eine breite Nutzung von CCS.
CO2 aus Biogasbetrieben – Hoffnung auf deutsche Industrie
Nach Angaben des Projektkonsortiums entspricht die geplante Jahresmenge von 400.000 Tonnen derzeit dem Volumen, das der Markt bereitstellt. Greensand soll vor allem demonstrieren, dass das Einfangen und Speichern von CO2 im großen Maßstab technisch möglich ist. Bislang stammt das eingelagerte Kohlendioxid vor allem aus dänischen Biogasbetrieben. Die beteiligten Unternehmen hoffen jedoch, künftig auch große deutsche Industriebetriebe als Kunden zu gewinnen, wofür sie verlässliche politische Rahmenbedingungen einfordern.
CCS als Teil der deutschen Klimastrategie
In Deutschland hat die schwarz-rote Koalition im vergangenen Jahr den Weg für die unterirdische Speicherung von CO2 geöffnet. Die Bundesrepublik strebt an, bis 2045 klimaneutral zu sein und nicht mehr Treibhausgase auszustoßen, als wieder gespeichert werden können. Für schwer vermeidbare Emissionen etwa aus der Industrie setzt die Bundesregierung auf Chancen durch CCS-Technologie, die nach Einschätzung von Bundeskanzler Friedrich Merz auch wirtschaftliche Perspektiven für deutsche Unternehmen eröffnet.
CCS als Baustein der europäischen Klimapolitik
Die Inbetriebnahme von Greensand markiert einen wichtigen Schritt in der europäischen Klimapolitik, weil erstmals innerhalb der EU eine CO2-Speicherung im industriellen Maßstab im Meeresgrund erfolgt. Während Norwegen mit Offshore-Speichern wie dem Projekt Sleipner seit Jahren als Vorreiter gilt, signalisiert Dänemark mit Greensand, dass auch EU-Mitgliedstaaten die Abscheidung und Einlagerung von Kohlendioxid stärker in ihre Klimastrategien integrieren. Vor dem Hintergrund ambitionierter Klimaziele in Europa – etwa des Ziels der Klimaneutralität zur Mitte des Jahrhunderts – gewinnt die Frage an Gewicht, wie unvermeidbare Emissionen technisch aufgefangen werden können.
Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Technologieakzeptanz
Gleichzeitig bleibt CCS politisch und gesellschaftlich umstritten. Befürworter verweisen darauf, dass vor allem Prozesse in der Zement-, Stahl- oder Chemieindustrie derzeit nicht vollständig ohne CO2-Emissionen auskommen und daher technische Speicherlösungen erforderlich seien. Kritiker aus Umweltverbänden warnen hingegen vor einem „Ablasshandel“, bei dem der Druck auf echte Emissionsminderungen sinke, wenn die Speicherung verfügbar ist. Auch Sicherheitsfragen und mögliche Risiken für Meeresökosysteme werden immer wieder diskutiert, wenngleich Fachleute die Technologie nach heutigem Kenntnisstand als beherrschbar einstufen. Die Debatte dürfte sich mit dem Regelbetrieb in Esbjerg weiter verschärfen.
Deutsch-dänische Perspektiven und wirtschaftliche Chancen
Für Deutschland ist Greensand auch aus industriepolitischer Sicht bedeutsam. Die Bundesrepublik strebt Klimaneutralität bis 2045 an und sieht für schwer vermeidbare Emissionen Chancen in CCS-Lösungen. Wenn dänische Speicher wie Nini West künftig CO2 aus deutschen Werken aufnehmen, entsteht ein grenzüberschreitender Markt für Transport und Lagerung, der neue Geschäftsmodelle für Energie- und Industrieunternehmen eröffnen könnte. Zugleich steht die deutsche Politik vor der Aufgabe, rechtliche Rahmenbedingungen zu präzisieren und gesellschaftliche Akzeptanz zu sichern, damit Unternehmen tatsächlich in Abscheidungsanlagen investieren. In diesem Spannungsfeld könnte Greensand zu einem praktischen Testfall werden, wie sich Klimaziele, Technologieeinsatz und wirtschaftliche Interessen in Nordeuropa miteinander verbinden lassen.
