Cybersicherheit: 96 Prozent der Unternehmen unter Attacke
Veröffentlicht am: 01.09.2026 um 16:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Einer heute veröffentlichten EY-Studie zufolge ist die Gefährdungslage für die heimische Wirtschaft durch Cyberkriminalität deutlich gestiegen. Demnach berichteten 36 Prozent der befragten Unternehmen von konkreten Hinweisen auf digitale Angriffe in den vergangenen fünf Jahren, was einem Zuwachs von 4 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Während die Bedrohung zunimmt, setzen bislang erst 20 Prozent der Firmen Künstliche Intelligenz (KI) aktiv zur Abwehr solcher Attacken ein.
Massive Schäden und staatliche Akteure im Fokus
Die Ergebnisse decken sich mit Erhebungen des Verbandes Bitkom von Ende August. Laut diesen Daten sind bereits 96 Prozent der Unternehmen von Cyberangriffen betroffen oder vermuten eine entsprechende Kompromittierung. Der gesamtwirtschaftliche Schaden durch Cyberattacken wird auf eine Summe zwischen 211 Milliarden Euro und 270,8 Milliarden Euro beziffert. Dabei entfallen 76 Prozent der Gesamtschäden direkt auf Cyberattacken.
Auffallend ist die zunehmende Professionalisierung und staatliche Lenkung der Angriffe: 37 Prozent der betroffenen Unternehmen ordnen die Attacken ausländischen Nachrichtendiensten zu – ein deutlicher Anstieg gegenüber 28 Prozent im Vorjahr und lediglich 7 Prozent im Jahr 2023. Als Hauptursprungsländer identifizieren die Experten China mit 52 Prozent und Russland mit 49 Prozent.
KI als Beschleuniger für Cyberkriminelle
Die Integration von KI in die Angriffsszenarien verändert die Dynamik der Cybersicherheit grundlegend. Eine Analyse von SentinelOne und Tenable zeigt, dass Angreifer Schwachstellen mittlerweile innerhalb weniger Stunden nach deren Bekanntwerden ausnutzen können, da KI die Entwicklung von Exploits massiv verkürzt.
Demgegenüber steht eine durchschnittliche Patch-Zeit von fünf Monaten in den Unternehmen. So wiesen etwa 54 Prozent der Kunden des Anbieters F5 aktive Schwachstellen auf; bei Citrix-Systemen betrug der Median bis zur Fehlerbehebung 461 Tage.
Laut der Studie „State of AI Cybersecurity 2026“ von Darktrace beobachten 87 Prozent der Unternehmen einen Anstieg KI-gestützter Angriffe. Besonders besorgt zeigen sich 92 Prozent der Verantwortlichen über den Einsatz sogenannter KI-Agenten.
Dass diese Sorge berechtigt ist, zeigen Vorfälle wie die Kampagne „JadePuffer“, bei der gezielt KI-Infrastrukturen kompromittiert wurden. Auch bei dem Unternehmen Hugging Face kam es im Juli zu einem Sicherheitsvorfall, bei dem Angreifer über eine Datenverarbeitungspipeline Privilegien ausweiten und sich seitlich im Netzwerk bewegen konnten.
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Menschliche Risiken und organisatorische Defizite
Neben technologischen Aspekten rückt der Faktor Mensch verstärkt in den Fokus. Im „SANS Security Awareness & Culture Report 2026“ wird KI als das zweitgrößte menschliche Cyberrisiko nach Social Engineering eingestuft.
Dennoch fehlt es oft an Ressourcen: Für eine nachhaltige Sicherheitskultur seien mehr als vier Vollzeitstellen und ein Zeitraum von fünf bis zehn Jahren notwendig. Die Gehaltsstrukturen in diesem Bereich sind stabil; das Durchschnittsgehalt für Experten in Europa liegt im Jahr 2026 bei 106.896 US-Dollar.
Eine Befragung von Metacompliance unter CISOs (Chief Information Security Officers) verdeutlicht zudem eine Kluft zwischen Sicherheitsexperten und Management. 75 Prozent der Geschäftsführer unterschätzen demnach die bestehenden Risiken. Rund die Hälfte der CISOs sieht KI-basiertes Social Engineering als Hauptbedrohung, während 40 Prozent befürchten, dass Mitarbeiter sensible Daten in generative KI-Systeme eingeben könnten.
Die zunehmenden Schäden durch Phishing und Social Engineering zeigen, wie gezielt Hacker menschliche Schwachstellen für ihre Zwecke ausnutzen. Ein neues Anti-Phishing-Paket bietet Unternehmen eine fundierte Analyse aktueller Angriffsmethoden sowie wirksame Strategien zur Hacker-Abwehr. Kostenloses Anti-Phishing-Paket jetzt herunterladen
Branchenspezifische Gefahren und staatliche Gegenmaßnahmen
Besonders der Einzelhandel steht unter Druck. Eine Umfrage von Kaspersky ergab, dass 97 Prozent der europäischen Einzelhandelsunternehmen innerhalb der letzten zwölf Monate von Cybervorfällen betroffen waren. Die Folgen reichen von Datendiebstahl (33 Prozent) bis hin zu finanziellen Verlusten (30 Prozent).
Auch die Industrie ist gefährdet: US-Behörden wie das FBI und die CISA warnten Mitte August vor Angriffen auf Siemens-S7-Steuerungen, bei denen Angreifer KI-generierte Skripte nutzen, die sich als Monitoring-Tools tarnen.
Als Reaktion auf die verschärfte Lage hat die Bundesregierung Ende August die Gründung eines KI-Sicherheitsinstituts (AISI) in Berlin beschlossen. Dieses soll als virtueller Nukleus starten und sich am britischen Vorbild orientieren.
Parallel dazu fordern Organisationen wie OpenAI in einem offenen Brief eine verstärkte internationale Koordination und die prioritäre Behebung von Schwachstellen, insbesondere zum Schutz kritischer Infrastrukturen wie der Wasserversorgung und des Gesundheitswesens.
Im Bereich der technischen Abwehrlösungen kündigte das Unternehmen ONEKEY für September 2026 den Start eines KI-Agenten für Firmware-Sicherheit an, der Schwachstellen automatisiert analysieren soll.
