China-Handel: Deutschlands Defizit explodiert auf 87 Milliarden Euro
27.05.2026 - 15:48:39 | boerse-global.deAn der Spitze einer rund 40-köpfigen Wirtschaftsdelegation sucht sie den schwierigen Spagat: Deutschland will seinen wichtigsten Handelspartner nicht verprellen, muss aber gleichzeitig wachsende Abhängigkeiten und ein Rekordhandelsdefizit in den Griff bekommen. Die Reise fällt in eine Zeit, in der die EU über schärfere Maßnahmen gegen chinesische Industriepolitik debattiert.
Zwischen Partnerschaft und Gegenwehr
Bei ihren Gesprächen mit Handelsminister Wang Wentao und Vizepremier He Lifeng forderte Reiche eine „moderne Kooperation" auf Augenhöhe. Die Ministerin pochte auf verlässlichen Zugang zu Rohstoffen, insbesondere seltenen Erden, und machte klar: Wettbewerb müsse beidseitig nutzen, nicht nur einer Seite Vorteile bringen.
Mit dabei sind Top-Manager deutscher Schwergewichte: BASF-Chef Markus Kamieth, Thyssenkrupp-CEO Miguel Ángel López Borrego sowie Vertreter von Airbus, Allianz und Schaeffler. Die Botschaft ist eindeutig: mehr Gegenseitigkeit und ein „Level Playing Field" für europäische Firmen in China.
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Doch die chinesische Seite zeigte sich wenig kompromissbereit. Handelsminister Wang Wentao bezeichnete die jüngsten EU-Handelsmaßnahmen als stark protektionistisch. Deutsche Verbände wie der VDMA drängen Reiche dagegen, bei systematischen Marktverzerrungen hart zu bleiben.
Die Ministerin setzt auf einen Mittelweg: Chinesische Investitionen in Deutschland seien willkommen – aber nur bei echter Innovation und nennenswerter Fertigungstiefe vor Ort.
Handelsdefizit explodiert – Abhängigkeiten wachsen
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 2025 blieb China zwar Deutschlands wichtigster Handelspartner mit rund 250 Milliarden Euro Volumen. Doch die Schere öffnet sich rasant:
- Deutsche Importe aus China stiegen um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro
- Deutsche Exporte nach China fielen um 9,7 Prozent auf rund 81,3 Milliarden Euro
- Das Handelsdefizit erreichte 87 Milliarden Euro – Tendenz steigend
Besonders alarmierend: Eine Analyse der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt wachsende Abhängigkeiten in strategischen Sektoren. Bei Lithium-Ionen-Batterien stieg Chinas Anteil an deutschen Importen von 49,7 Prozent (2023) auf 66,5 Prozent (2025). Bei Solarmodulen liegt die Abhängigkeit bei 92,6 Prozent. Und im Pharmasektor kommen 72,9 Prozent der Antibiotika und 81 Prozent des Penicillins aus China.
Noch krasser ist die Lage bei seltenen Erden: China kontrolliert 60 bis 70 Prozent der weltweiten Förderung, über 85 Prozent der Verarbeitung und mehr als 90 Prozent der Produktion von Permanentmagneten. Neue Vorkommen in Malaysia oder Brasilien ändern daran kurzfristig wenig.
Europa zerstritten – Deutschland bremst
Reiches Mission wird durch interne EU-Zwistigkeiten erschwert. Fünf Mitgliedsstaaten – Frankreich, Spanien, Italien, die Niederlande und Litauen – forderten die EU-Kommission zu schärferen Maßnahmen gegen chinesische Überkapazitäten auf. Deutschland unterschrieb nicht. Aus dem Ministerium hieß es, eine gründliche Prüfung sei kurzfristig nicht möglich gewesen.
Besonders umstritten: „Buy European"-Klauseln, die EU-Industriekommissar Thierry Séjourné vorschlägt. Deutschland blockiert sie aus Angst vor Eskalation und Vergeltungsmaßnahmen. EU-Parlamentarier kritisieren dies scharf – Europa müsse mit einer Stimme sprechen, um in Peking ernst genommen zu werden.
Der Druck aus der deutschen Industrie wächst. Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter warnte, die Metall- und Elektroindustrie könne weitere 300.000 Arbeitsplätze verlieren – zusätzlich zu den 300.000 Stellen, die seit 2019 bereits weggefallen sind.
Die Zahlen für das erste Quartal 2026 bestätigen den Trend: Importe aus China stiegen um 6,4 Prozent, Exporte brachen um 12,5 Prozent ein.
Sicherheitsrisiko China-Technik
Auch sicherheitspolitisch brodelt es. Ein geplantes Drohnen-Abwehrschild von Rheinmetall und Deutscher Telekom geriet wegen chinesischer Komponenten unter Beschuss. Rund 58 Prozent der Antennenstandorte im Telekom-Mobilfunknetz nutzen Huawei-Technologie. Politiker aller Lager fordern eine „China-freie" Architektur für kritische Verteidigungs- und Telekommunikationssysteme.
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Der globale Kontext verschiebt sich ebenfalls. In den USA kündigte Handelsbeauftragter Jamieson Greer ein Konsultationsverfahren zu möglichen Zollsenkungen für bestimmte nicht-strategische chinesische Güter im Wert von rund 30 Milliarden Dollar an. Washington und Peking wollen einen „Handelsrat" einrichten. Doch Greer stellte klar: US-Zölle auf chinesische Waren blieben wohl dauerhaft höher als für andere Nationen.
In Europa wird die Debatte zunehmend dramatischer geführt. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas verglich die wirtschaftliche Antwort Europas jüngst mit der Wahl zwischen „Morphium" (Subventionen) oder „Chemotherapie" (härtere Handelsmaßnahmen).
Ausblick: Drei Säulen für die Zukunft
Die Ergebnisse von Reiches Mission dürften die EU-Strategie beeinflussen, die am Freitag beim nächsten Treffen der Mitgliedsstaaten weiter diskutiert wird. Rund 51 Prozent der deutschen China-Firmen befürworten laut einer AHK-Umfrage den Ausbau von Partnerschaften mit lokalen Unternehmen. Doch die Risiken werden neu bewertet.
Ökonomen und Politiker skizzieren eine Strategy aus drei Säulen: strengere Haftung für Unternehmen mit hohem China-Risiko, verpflichtende Stresstests für systemrelevante Firmen und neue Freihandelsabkommen zur Diversifizierung der Lieferketten.
Für Deutschland geht es um nichts weniger als die Frage: Wie sichert man faire Wettbewerbsbedingungen, ohne sich in strategische Abhängigkeiten zu manövrieren? Die Antwort darauf wird die Wirtschaftspolitik gegenüber Peking in den kommenden Jahren prägen.
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