China: Eingriff der Regierung eine Frage der Zeit
Veröffentlicht am: 18.06.2007 um 09:13 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS
Die letzte Korrektur am chinesischen Aktienmarkt ist schon fast wieder vergessen; dabei ist sie kaum zwei Wochen her. Auch wenn die Abschläge inzwischen schon annähernd wieder hereingeholt worden sind, sollten Asien-Anleger jetzt alles andere tun, als dieses Thema ad acta zu legen. Immerhin ist Chinas A-Share-Index innerhalb weniger Tage um satte 17 Prozent eingebrochen – und das aus vergleichsweise nichtigem Anlass. Es sieht derzeit nicht so aus, als ob der chinesische Markt sein schwindelerregendes Niveau noch lange halten können wird.
Der Grund für den Mini-Crash war – vermeintlich oder tatsächlich – die Anhebung der Stempelsteuer auf Wertpapierkäufe. Diese Maßnahme an sich kann kaum als dramatisch bezeichnet werden. Im Jahr 2000 lag diese Steuer in China schon einmal auf einem deutlich höheren Niveau als jetzt nach der Anhebung.
Tatsächlich fürchten sich die Marktteilnehmer in erster Linie davor, dass sich die chinesische Regierung noch weitere Maßnahmen einfallen lassen wird, um die dortige Aktienmarkt-Rallye abzuwürgen. Und dies aus gutem Grund! Die Bewertungen an den Börsen Shanghai und Shenzhen haben mittlerweile ein enorm hohes Niveau erreicht; das Durchschnitts-KGV chinesischer Titel befindet sich weiterhin bei über 50.
Zahlreiche hochrangige chinesische Politiker haben zuletzt vor einer „Blasenbildung“ gewarnt. Die dortige Regierung kann sich keinen spektakulären Börsen-Crash leisten. Ein solcher würde Vermögenswerte in Billionenhöhe vernichten und möglicherweise auch eine ernste Krise im Finanz- und Bankensystem des Landes verursachen. Zudem würde dies das Vertrauen der internationalen Investoren beeinträchtigen. Die Börse hätte als machtvolle Kapitalsammelstelle, mit deren Hilfe sich Chinas Großkonzerne die notwendigen Mittel für die künftige Expansion verschaffen können, erst einmal ausgedient. Dies alles würde zu guter Letzt auch noch im Vorfeld der Olympiade stattfinden. Dabei will die Volksrepublik um jeden Preis die Chance nutzen, sich der Welt als erfolgreiches und rundum herausgeputztes Land zu präsentieren.
Am vergangenen Mittwoch hat jetzt auch Chinas Premierminister Wen Jiabao seine Stimme erhoben. Er erklärte, dass sich mittlerweile verschiedene ungelöste Wirtschaftsprobleme aufgetürmt hätten. So sei laut Wen der Handelsbilanz-Überschuss viel zu hoch und das Preisniveau zu stark gestiegen. Gleichzeitig sei es in der jetzigen Boomphase extrem schwierig geworden, den Energieverbrauch und die Umweltverschmutzung unter Kontrolle zu halten. Angesichts dessen müsse mit der geldpolitischen Straffung – zumindest auf moderate Weise – fortgefahren werden.
Wie überall auf der Welt, so sind steigende Zinsen auch in China Gift für die Börsen. Der Regierung bleibt dennoch nichts anderes übrig, als die Leitzinsen anzuheben. Sowohl in der realen Wirtschaft als auch an den Finanzmärkten ist die Gefahr einer Überhitzung offenkundig. Falls die geldpolitische Straffung allein nicht ausreicht, um Luft aus der Aktienmarkt-Blase abzulassen, dürfte wohl weitere Maßnahmen folgen. So rechnen viele Marktteilnehmer damit, dass demnächst beispielsweise Kapitalertragssteuern eingeführt werden könnten. Daneben sind weitere Reglementierungen hinsichtlich der Kreditvergabe an Privatanleger im Gespräch.
Die Regierung weiß, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, um einen Crash mit allen zwangsläufigen Folgen zu verhindern. Je länger der Börsenboom dort noch anhält, umso schärfer werden ihre Gegenmaßnahmen ausfallen müssen. Und je länger sie damit wartet, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Katastrophe mit ihren Einschreiten dann nur noch verschlimmert. Chinas Politiker sind sich im klaren darüber, dass es nicht mehr genügt, den Aktienmarkt lediglich zu gängeln. Sie wird bald deutlich stärkere Geschütze auffahren.
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