China bekommt den Stahl nicht in den Griff
Veröffentlicht: 23.07.2006 um 17:47 Uhr, Redaktion AD HOC NEWS, Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller (Chefredaktion)
Nachdem sich die Erzlieferanten mit einer Preiserhöhung von 19 % durchsetzen konnten, beginnen in China die Preise für Stahl, vor allem hochwertige Produkte zu steigen. Der größte Stahlkonzern des Landes, Baosteel, welcher bereits im ersten Quartal damit begann, hatte vor kurzem eine weitere Preisanhebung von 6 % durchgeführt. Die Shougang Group hatte dann ihre Preise von etlichen gefragten Stahlprodukten um etwa 100 Yuan (12,50 USD) pro Tonne angehoben. Weitere große Stahlunternehmen ziehen bereits nach.
Von Marktbeobachtern wird aber ins Feld geführt, dass die Steigerung der Erzpreise nicht der Grund für Preisentwicklung der Stahlunternehmen sei, da diese sich bereits vor der neuen Erzpreisfestlegung auf Vorrat eingedeckt hatten. Die im Zuge der Preisfestlegung ausgehandelten Reduzierungen der Frachtkosten, machen nach Meinung der Branchenkenner einen großen Teil der Mehrkosten wieder wett. Als Grund wird eher die kräftige Entwicklung in der Auto- und Luftfahrtbranche ausgemacht, welche die Nachfrage über das derzeitige Angebot von speziellen Stahlsorten hebt.
Negativ entwickelte sich dagegen der Sektor von minderwertigen Stahlprodukten. Hier zieht die Überkapazität weiter an und stieg um ein Fünftel über die Nachfrage. Das hat zur Folge, dass die Preise um die 80 Yuan (10 USD) pro Tonne gefallen sind.
Experten gehen davon aus, dass im zweiten Halbjahr die Preisschwankungen nachlassen werden. Vor allem die von der Regierung forcierten Zusammenschlüsse, Fusionen und Schließungen von Stahlwerken, sollen einer Überkapazität und sinnlose Produktionsausstöße entgegenwirken. Laut einer Analyse beträgt die derzeitige Überkapazität im Stahlsektor 100 Mio. Tonnen.
Kann man der Reform- und Entwicklungskommission Glauben schenken, dann wird die Stilllegung veralteter Maschinen und Unternehmen die Stahlproduktion um die genannte Überkapazität senken. Noch in diesem Jahr sollen die Maßnahmen nachhaltig wirken und die Überkapazität um 55 Mio. Tonnen senken. Laut der Kommission wurden allein 2004 von den 420 Mio. Tonnen produzierten Stahl 24 % in Schmelzöfen mit niedriger Produktivität hergestellt. Gebraucht wurden diese aber nicht. Gut die Hälfte davon kam aus Werken dessen Elektroschmelzöfen unter 20 Tonnen produzieren können. Dabei verbrennen gerade diese enorme Mengen an Energie mit einer hohen Umweltbelastung. Diesen Unternehmen soll es nun massiv an den Kragen gehen.
Eine Frage stellt sich dabei, was passiert mit den aber tausenden Beschäftigten ? Eine Möglichkeit für diese könnte sich in den geplanten Stahlproduktionszentren ergeben. Die Regierung beabsichtigt in der Nähe von Tangshan und in der Provinz Hebei Zentren der Stahlproduktion zu errichten bzw. auszubauen. In Hebei steht eine Vielzahl der veralteten Stahlunternehmen.
Der Trend geht eindeutig in die Richtung von großen Konzernen mit mindesten 10 Mio. Tonnen Jahreskapazität. Bis jetzt gibt es aber in China etwa 800 Stahlkocher. Vor kurzem beschlossen der Stahlkocher Baosteel und das private Stahlunternehmen Jiangsu Shagang Group, dass sich beide Unternehmen zusammenschließen. Sie hatten im vergangenen Jahr zusammen 33,2 Mio. Tonnen Stahlprodukte gefertigt. In diesem Jahr werden sie eine Kapazität von 35 Mio. erreichen.
Weitere Zusammenschlüsse sind in Shangdong geplant. Hier will die Provinzregierung zwei ihrer großen Stahlunternehmen zu verschmelzen. Dabei handelt es sich um die Jinan Iron and Steel Co Ltd und die Laiwu Steel Co Ltd. Die Stahlunternehmen Anshan und Benxi Steel aus der nordöstlichen Provinz Liaoning und die Unternehmen Tangshan, Xuanhua und Chengde Steel in der Provinz Hebei, sind bereits den Weg des Zusammenschlusses gegangen. Jinan Steel und Laiwu Steel gehören bereits zu China's Top Ten Stahlunternehmen mit einer Jahreskapazität von über 10 Mio. Tonnen Stahl im vergangenen Jahr. Durch einen Zusammenschluss würde ein Stahlkonzern mit etwa 30 Mio. Tonnen Jahreskapazität entstehen. Die Fusion der beiden Unternehmen wird aber wohl ein mühsames Geschäft werden. Der offizielle Zusammenschluss von Anshan und Benxi erforderte 3 Jahre Arbeit. Auch wenn seit 11 Monaten das neue Unternehmen Anben Steel existiert, so arbeiten die beiden in etlichen Bereichen immer noch separat, wie im Rohstoffkauf oder Produktverkauf.
Das Vorhaben der chinesischen Regierung, in der Stahlbranche große Unternehmen zu etablieren die das "Sagen" haben, gestaltet sich äußerst kompliziert. Das Ziel, dass 10 große Stahlkonzerne bis 2010 etwa 50 % der Stahlerzeugung des Landes abdecken und diesen Anteil bis 2020 auf 70 % erhöhen sollen, ist ein weiter Weg. Bisher haben die 10 größten Stahlunternehmen Chinas im vergangenen Mai zusammen 12,4 Mio. Tonnen Stahl produziert, was lediglich 34,6 % der Gesamtproduktionsmenge des Monats von 35,9 Mio. Tonnen darstellte. Im vorigen Jahr lag ihr Anteil bei 35,4 %.
Neben der Überkapazität macht sich für China aber ein neues Problem auf. Die Stahlbranche entwickelt sich zum Nettoexporteur. So warnte der Direktor der chinesischen Handelskammer für Metals Minerals & Chemicals Import & Export Liu Zhiyang die einheimischen Stahlproduzenten vor einem überzogenen Export ihrer Produkte. Diese könnten zwangsläufig zu Antidumpingmassen durch das Ausland führen, sollten die steigenden Stahlexporte aus China anhalten. Die logische Konsequenz ist wären neue Schutzmaßnahmen gegen China, so Liu.
Indonesien und Thailand haben bereits einen Rechtsprozess gegen die Stahlexporte eingeleitet, während Japan und Südkorea ähnliches in Erwägung ziehen.
Liu weist darauf hin, dass sehr große Stahlexporte nicht im Sinne des Landes seien und die Regierung mit einer tarifpolitischen Entscheidung und Richtlinien dagegen wirken sollte.
Laut Statistik von Anfang des Monats wurden im ersten Halbjahr 17,09 Mrd. Tonnen Stahl exportiert, dass waren 47,7 % mehr als im Vorjahreszeitraum. Allein im Juni wurden 4,43 Mio. Tonnen Stahl exportiert. Das stellt ein Rekordniveau dar und liegt um 102 % über dem des Vorjahresmonats. Damit beläuft sich der Nettostahlhandelsüberschuss im Juni auf 2,76 Mrd. Tonnen, 36 % über dem vom Mai.
Bekommt man das nicht in den Griff, dann sind Auseinandersetzungen auf dem globalen Stahlmarkt vorprogrammiert. Im Augenblick begrenzen sich die ersten Anzeichen dazu auf den asiatischen Raum, aber es dürfte nicht lange dauern bis sich die USA veranlasst sieht, in Peking vorzusprechen.
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