Chemie-Krise: Leuna Polyamid stoppt Oktober, 440 Jobs weg
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 20:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der Spezialchemiekonzern Evonik hat am 11. September 2026 weitreichende Entscheidungen zur Umstrukturierung seines deutschen Standortnetzes bekannt gegeben. Wie das Unternehmen mitteilte, soll das Werk in Bitterfeld bis Ende April 2027 geschlossen werden.
Die dortige Produktion von Chlorsilanen, die vor allem in der Mikrochip-Industrie und für Glasfaserkabel benötigt werden, wird künftig am Standort Rheinfelden gebündelt. Von der Maßnahme in Sachsen-Anhalt sind rund 40 Mitarbeiter betroffen.
Konsolidierung bei Evonik und strukturelle Herausforderungen
Neben Bitterfeld ist auch der Standort Hamburg von den Konsolidierungsplänen betroffen. Das Werk mit etwa 50 Beschäftigten, das Produkte für die Kosmetik- und Pflegesparte herstellt, soll Mitte 2027 geschlossen werden. Die Aktivitäten werden laut Unternehmensangaben nach Essen verlagert. Insgesamt entfallen durch diese Schritte rund 90 Stellen bei einem Konzern mit weltweit gut 30.000 Beschäftigten.
Evonik begründete die Schließungen mit anhaltend herausfordernden Marktbedingungen. Neben einem starken Preisdruck aus Asien verwies das Management auf eine unzureichende Anlagenauslastung und fragmentierte Strukturen. Diese Faktoren machten die Straffung der Produktionskapazitäten notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.
Produktionsstopp bei Leuna Polyamid und Krise im Chemiedreieck
Die Ankündigung von Evonik fällt in eine Zeit massiver Verwerfungen im mitteldeutschen Chemiedreieck, das laut der Bundesagentur für Arbeit rund 100 Firmen mit etwa 10.000 Beschäftigten umfasst. Besonders kritisch stellt sich die Lage bei Leuna Polyamid dar. Das Unternehmen, das erst im April 2026 als Auffanggesellschaft nach der Insolvenz von Domo-Caproleuna gegründet worden war, stellt die Produktion im Oktober 2026 ein.
Eine Anfang September 2026 endgültig gescheiterte Investorensuche besiegelte das Ende des Betriebs, von dem rund 440 Beschäftigte betroffen sind. Als Hauptursachen für das Scheitern nach nur fünf Monaten gelten gestiegene Rohstoffkosten und mangelnde Liquidität.
Der Produktionsstopp hat zudem Auswirkungen auf die Infrastruktur am Standort Leuna: Die dortige Ammoniak-Versorgung dient auch Dritten wie der Total-Raffinerie und Linde, die nun von der Stilllegung tangiert werden könnten.
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Pharma- und Zulieferindustrie unter Anpassungsdruck
Auch in anderen Industriesektoren setzt sich der Trend zu Standortschließungen fort. Der Pharmakonzern GSK plant, sein Impfstoffwerk in Dresden bis zum Sommer 2028 aufzugeben. Betroffen sind rund 650 Arbeitsplätze. Die Produktion von Grippeimpfstoffen, die zuletzt ein Volumen von rund 2 Millionen Dosen wöchentlich erreichte, soll nach Ste-Foy in Kanada verlagert werden.
GSK führt rückläufige Nachfrage und Überkapazitäten als Gründe an. Die Gewerkschaft IGBCE kritisierte diesen Schritt und wies darauf hin, dass in Sachsen bereits rund 4.250 Stellen in der Pharmaforschung und -produktion verloren gegangen seien.
In der Zulieferindustrie verschärft sich die Lage ebenfalls. Die im Jahr 1896 gegründete Prinz-Mayweg-Gruppe meldete Insolvenz an. Das Amtsgericht Essen eröffnete am 9. September 2026 das vorläufige Verfahren für den Spezialisten für Präzisionsstahlrohre.
Rund 310 Arbeitsplätze an vier Standorten in Nordrhein-Westfalen, darunter Wickede und Altena, stehen zur Disposition. Der vorläufige Insolvenzverwalter Dr. Christian Holzmann nannte den Umsatzeinbruch infolge der Automobilkrise sowie hohe Energie- und Rohstoffpreise als Auslöser.
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Strategische Neuausrichtung bei Volkswagen
Der massive Druck auf die deutsche Industrie spiegelt sich besonders deutlich in den Plänen von Volkswagen wider. Der Aufsichtsrat beschloss einen Zukunftsplan, der bis 2030 eine Steigerung der operativen Umsatzrendite auf 9 % vorsieht – im ersten Halbjahr 2026 lag dieser Wert bei 3,8 %. Damit verbunden ist ein massiver Stellenabbau: Weltweit sollen rund 50.000 Arbeitsplätze entfallen, etwa die Hälfte davon in Deutschland.
Für das Werk in Emden mit seinen rund 6.600 Beschäftigten gibt es ab 2031 keine gesicherte Folgebelegung mehr. VW-Chef Blume verwies darauf, dass die Arbeitskosten am Standort Emden mehr als doppelt so hoch seien wie an vergleichbaren europäischen Standorten.
Während die IG Metall die Einhaltung bestehender Verträge fordert, zeigen Branchenstatistiken den Ernst der Lage: Seit 2019 hat die Metall- und Elektro-Industrie in Deutschland bereits über 340.000 Arbeitsplätze verloren. Bei gleichbleibend schwacher Auslastung gelten weitere 300.000 Stellen als gefährdet.
