Chancenkarte: Nur 550 Menschen monatlich bei Bedarf von 400.000
03.06.2026 - 07:30:28 | boerse-global.de400.000 Arbeitskräfte fehlen jährlich – die Chancenkarte soll helfen, doch die Bilanz fällt gemischt aus.
Zwei Jahre nach der Einführung der Chancenkarte im Juni 2024 zeigt sich: Der Weg zur gezielten Fachkräfteeinwanderung ist steiniger als erhofft. Das Punktesystem für qualifizierte Nicht-EU-Bürger bringt monatlich rund 550 Menschen nach Deutschland – angesichts des Bedarfs von 400.000 Arbeitskräften pro Jahr ein Tropfen auf den heißen Stein. Hinzu kommt: Die Nettozuwanderung ist zuletzt drastisch gesunken.
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So funktioniert das Punktesystem
Die Chancenkarte erlaubt qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten, bis zu einem Jahr in Deutschland nach Arbeit zu suchen. Bewerber müssen mindestens sechs von 14 möglichen Punkten erreichen – vergeben werden sie für Alter, Berufserfahrung, Sprachkenntnisse in Deutsch oder Englisch und bestehende Deutschland-Bindungen.
Die größte Gruppe der Karteninhaber stellen Inder mit 31 Prozent, gefolgt von Chinesen, Türken und Pakistanern. Voraussetzung: ein gesperrtes Konto mit rund 1.091 Euro monatlich (Stand 2025). Bis zu 20 Stunden pro Woche ist Nebenarbeit erlaubt, ebenso Probearbeitsphasen.
Hessen als Paradebeispiel
Besonders deutlich wird der Fachkräftemangel in Hessen. Fast jedes zweite Unternehmen – rund 80.500 Betriebe – beschäftigt dort internationale Mitarbeiter. „Der Markt ist komplett von Zuwanderung abhängig“, heißt es aus regionalen Arbeitsbehörden. Kein Wunder: Bis 2032 gehen fast 295.000 hessische Beschäftigte in Rente, 90 Prozent davon Deutsche.
Internationale Arbeitskräfte stemmen inzwischen 72 Prozent des Beschäftigungswachstums. In Offenbach und Frankfurt liegt der Anteil der Firmen mit ausländischen Mitarbeitern bei 69 beziehungsweise 61 Prozent. Knapp die Hälfte der Zugewanderten arbeitet inzwischen in qualifizierten Positionen.
Hürden im Alltag
Doch die Praxis sieht oft anders aus. In Bremen lebten Ende April gerade einmal 26 Menschen mit der Chancenkarte. Viele Unternehmen kennen die rechtlichen Details nicht – ein Problem für Bewerber, die bereits im Land sind. IT-Fachkräfte berichten von über 150 Bewerbungen mit nur wenigen Einladungen. Oft läuft die einjährige Frist ab, bevor ein fester Job gefunden ist.
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Die IHK Lüneburg-Wolfsburg startet deshalb einen Matching-Service. Am 15. Juni 2026 ist eine Online-Veranstaltung unter dem Titel „Demografielücke voraus!“ geplant, um Firmen mit internationalen Fachkräften zusammenzubringen, deren Qualifikationen nur teilweise anerkannt werden.
Weniger Zuwanderung, mehr Einbürgerungen
Derweil ist die Nettozuwanderung 2025 auf 235.000 Menschen eingebrochen – ein Rückgang um 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Vor allem aus Syrien, der Türkei und Afghanistan kamen weniger Menschen. Erstmals verzeichnet Deutschland zudem eine negative Wanderungsbilanz mit der EU und einen Nettoverlust von 97.000 Deutschen, die vor allem in die Schweiz, nach Österreich und Spanien auswandern.
Positiv entwickelt sich dagegen die Einbürgerungsquote. Seit der Reform im Juni 2024 beantragen deutlich mehr Menschen die deutsche Staatsbürgerschaft. Zwischen 85 und 98 Prozent der neuen Bürger behalten ihre alte Nationalität. Die Behörden kommen kaum nach: In Hannover und Bremen stapeln sich rund 30.000 unerledigte Anträge.
Auch die Hürden für eine dauerhafte Niederlassungserlaubnis sind gesunken. Seit März 2024 reichen drei Jahre Aufenthalt mit Sprachkenntnissen und 36 Monaten Rentenbeiträgen – statt bisher vier Jahren. Ob das reicht, um die Lücke von 400.000 Fachkräften zu schließen, bleibt abzuwarten.
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