Burnout-Ausfallzeiten: Fehltage bei AOK-Mitgliedern steigen um 77 Prozent
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 23:04 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Belastung am Arbeitsplatz schlägt sich zunehmend in den Fehlzeiten nieder. Wie aus dem Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervorgeht, stiegen die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen bei AOK-Versicherten von 284 Tagen je 100 Versicherte im Jahr 2016 auf 403 Tage im Jahr 2025. Dies entspricht einem Zuwachs von fast 42 Prozent.
Besonders deutlich fällt das Plus bei Burnout-Diagnosen aus: Hier kletterten die Ausfallzeiten binnen zehn Jahren von 11,0 auf 19,5 Tage je 100 AOK-Mitglieder, was einem Anstieg um 77 Prozent entspricht.
Überdurchschnittliche Falldauer prägt das Krankheitsgeschehen
Psychische Leiden zeichnen sich im Vergleich zu anderen Diagnosen durch eine erhebliche Falldauer aus. Im Jahr 2025 verursachten psychische Erkrankungen laut WIdO durchschnittlich 28,5 Tage Arbeitsunfähigkeit je Fall bei 14,1 Fällen je 100 Versicherte.
Zum Vergleich: Bei Atemwegserkrankungen lag das Aufkommen bei 80,3 Fällen je 100 Versicherte, die Ausfalldauer betrug jedoch lediglich 5,7 Tage je Fall.
WIdO-Geschäftsführer Helmut Schröder erwartet, dass sich dieser Trend angesichts der anhaltend angespannten Wirtschaftslage weiter verstärken dürfte. Fachleute wie Riedel-Heller weisen in diesem Zusammenhang allerdings darauf hin, dass höhere Fehlzeiten nicht zwangsläufig eine höhere Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der gesamten Bevölkerung bedeuten.
Regionale Auswertungen und Kassenberichte bestätigen den Trend
Die Zunahme spiegelt sich auch in regionalen Erhebungen und den Berichten weiterer Krankenkassen wider. Bei der AOK PLUS stiegen die psychisch bedingten Fehlzeiten innerhalb von zehn Jahren in Sachsen um rund 55 Prozent und in Thüringen um etwa 68 Prozent.
Die Burnout-Diagnosen haben sich in Thüringen mehr als verdoppelt und nahmen in Sachsen um rund 50 Prozent zu. Die Krankenkasse bietet hierzu kostenlose Programme wie „Stress im Griff“, „moodgym“ und „Familiencoach Depression“ an und erstattet Versicherten jährlich die Kosten für zwei zertifizierte Kurse.
Die AOK Bayern verzeichnete bei Arbeitsunfähigkeitstagen durch psychische Erkrankungen mit langer Ausfalldauer von 2016 bis 2025 einen Zuwachs von fast 50 Prozent.
Bei einem Gesamtkrankenstand von 5,8 Prozent im Jahr 2025 (21,1 Fehltage je beschäftigter Person) machten Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen zwar nur etwas über 3 Prozent der Fälle aus, verursachten jedoch rund 40 Prozent aller Fehltage.
Wer sich mit der steigenden psychischen Belastung im Arbeitsalltag befasst, findet in diesem kostenlosen Ratgeber konkrete Übungen für mehr innere Ruhe und Produktivität. 5 Sofortmaßnahmen für mehr Ausgeglichenheit entdecken
Bei der BKK Bayern lag die Fehlzeit versicherter Erwerbstätiger im Jahr 2025 bei 19,2 Kalendertagen (nach 19,5 Tagen im Jahr 2024 und einem Bundesschnitt von 22,1 Tagen).
Vier Diagnosegruppen machten 69 Prozent aller Ausfalltage aus: Muskel-Skelett-Erkrankungen führten mit 22 Prozent, gefolgt von Atemwegserkrankungen mit 19 Prozent, psychischen Erkrankungen mit 17 Prozent (bei 38 Tagen je Fall) sowie Verletzungen und Vergiftungen mit 11 Prozent.
Bei der TK Bayern betrug der Krankenstand 2025 4,3 Prozent (15,7 Fehltage je Person), wovon 3,1 Tage auf psychische Diagnosen entfielen, ein Zuwachs um 0,4 Tage gegenüber 2022. Die DAK verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 zwar einen Rückgang des Krankenstands von 5,4 auf 5,3 Prozent, stellte jedoch fest, dass psychische Erkrankungen erstmals Atemwegsinfekte als häufigste Ursache für Fehlzeiten ablösten.
Hohe Belastung im Berufsalltag und europäische Dimension
Die Belastung erstreckt sich auch auf Nachwuchskräfte: Laut dem Ausbildungsreport der DGB-Jugend fühlen sich 51 Prozent der Auszubildenden psychisch belastet; 42 Prozent der Betroffenen haben niemanden zum Reden. Eine Psychologin identifiziert fünf wesentliche Warnsignale für eine Überlastung: ständiges Gedankenkreisen, unruhige Nächte, körperliche Symptome, einen verkürzten Geduldsfaden sowie das Empfinden von Hobbys als Pflicht.
Auf europäischer Ebene ergab die Erhebung „OSH Pulse 2025“ der EU-OSHA, dass 29 Prozent der Beschäftigten in der Europäischen Union unter Stress, Depressionen oder Angstzuständen leiden; über 40 Prozent gaben starken Zeitdruck an.
Insgesamt sind 45 Prozent der Beschäftigten in der EU psychischen Risiken am Arbeitsplatz ausgesetzt, und rund 44 Prozent berichten über Zeitdruck oder Überlastung, während nur 45 Prozent im Betrieb zu stressigen Aspekten ihrer Arbeit befragt werden.
Da psychische Risiken am Arbeitsplatz immer öfter zu langen Ausfallzeiten führen, wird eine frühzeitige Prävention für Verantwortliche unerlässlich. Dieses Download-Paket bietet hilfreiche Excel-Vorlagen und Tipps, um Überlastungsgefahren rechtzeitig zu erkennen. Kostenlose Vorlagen zur Gefährdungsbeurteilung herunterladen
Nach Erhebungen des Europäischen Gewerkschaftsinstituts (ETUI) verursacht arbeitsbedingte Depression in der EU jährlich Kosten von mehr als 100 Milliarden Euro durch Ausfälle, Produktivitätsverluste sowie gesundheitliche und soziale Folgen.
EU-OSHA-Direktor William Cockburn und EGB-Generalsekretärin Esther Lynch fordern daher verbindliche Gefährdungsbeurteilungen und eine stärkere Mitarbeiterbeteiligung, flankiert von der Kampagne „Healthy Workplaces“ der Europäischen Kommission.
Auch in Österreich zeigt sich ein ähnliches Bild: Eine WIFO-Studie im Auftrag der Arbeiterkammer bezifferte für 2023 mehr als 54.000 arbeitsbedingte psychische Neuerkrankungen und wies Folgekosten arbeitsbedingter Erkrankungen von insgesamt 12,4 Milliarden Euro aus.
Der dortige Fehlzeitenreport 2026 weist rund 37 Krankenstandstage je psychischem Krankheitsfall aus. Der Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) verlangt vor diesem Hintergrund eine gesetzliche Verankerung von Arbeits- und Organisationspsychologen als Präventivfachkräfte im Arbeitnehmer:innenschutzgesetz sowie im Psychologengesetz.
