Bürokratie-Krise: 50% der Firmen sehen Regelwerk als Hauptproblem
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 02:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die führenden deutschen Wirtschaftsverbände BDI, BDA, DIHK und ZDH fordern von der Bundesregierung eine dringende Verbesserung der wettbewerbsfähigen Rahmenbedingungen.
Hintergrund sind die anhaltenden strukturellen Probleme am Standort Deutschland, während die Wirtschaft nach einer Rezessionsphase nur ein minimales Wachstum verzeichnet. In gemeinsamen und Einzelstellungnahmen mahnen die Spitzenvertreter der Industrie, des Handels und des Handwerks tiefgreifende Reformen an.
Impulse für den Arbeitsmarkt und Steuersenkungen
BDI-Präsident Leibinger und BDA-Präsident Dulger betonten in einem Gastbeitrag in der Presse, dass die Koalition aus Union und SPD trotz jüngster Verluste bei Landtagswahlen an ihrem Reformkurs festhalten müsse. Es gelte der Leitsatz, dass das Wohl des Landes vor den Interessen der Parteien stehe. Konkret verlangen beide Verbände die planmäßige Abschaffung der abschlagsfreien Rente für besonders langjährig Versicherte, bekannt als „Rente mit 63“.
Zudem fordern BDI und BDA eine Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch die Umstellung von einer täglichen auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit. Ein entsprechender Gesetzentwurf hierzu könnte nach Einschätzung der Verbände längst vorliegen.
Im steuerlichen Bereich fordern die Wirtschaftsvertreter die Abschaffung des Solidaritätszuschlags, eine vorgezogene Senkung der Körperschaftsteuer sowie Entlastungen bei den Strompreisen. Den aktuellen Entwurf zur Einkommensteuerreform kritisierten sie als kleinteilige Korrektur mit nur minimaler Entlastungswirkung.
Bürokratieabbau und Infrastruktur als Priorität
Nach Ergebnissen einer aktuellen Konjunkturumfrage des ifo-Instituts bewertet die Hälfte der deutschen Unternehmen Bürokratie und Regulierung als das größte Standortproblem. Besonders betroffen sind laut der Erhebung mittlere und große Unternehmen mit Quoten von 58 beziehungsweise 59 Prozent. Laut dem Befragungsleiter des Instituts, Klaus Wohlrabe, binde der bürokratische Aufwand wichtiges Personal und verhindere notwendige Investitionen.
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DIHK-Präsident Peter Adrian fordert in diesem Zusammenhang konkrete Lösungen noch im laufenden Herbst, insbesondere bei den Arbeitskosten und den Energiepreisen. Zwar wiesen die Reformsignale des Bundeskanzlers in die richtige Richtung, doch müssten nun Taten folgen. DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov verwies zudem auf verlorene Industriearbeitsplätze und eine jahrelange Stagnation.
Auch das Handwerk sieht dringenden Handlungsbedarf. ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke mahnte, dass politischer Stillstand nicht tragbar sei. Er forderte die Einhaltung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Stromsteuersenkung für alle Betriebe. Zudem belaste die marode Infrastruktur das Handwerk massiv, da Staus und Umwege Zeit und Geld kosteten. Ein geplantes Infrastrukturzukunftsgesetz müsse Planungen für Straße und Schiene beschleunigen.
Konjunkturelle Aufhellung durch Sondereffekte
Trotz der kritischen Stimmen hoben Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen für das Jahr 2026 leicht an. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) korrigierte seine Erwartung für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,4 Prozent auf 1,2 Prozent nach oben, was primär auf ein überraschend gutes erstes Halbjahr zurückzuführen sei. Das ifo-Institut erwartet sogar ein Plus von 1,4 Prozent.
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Das IW gab jedoch zu bedenken, dass der Anstieg im ersten Halbjahr zum Teil auf einen Vorzieheffekt im Zusammenhang mit dem Irankrieg zurückzuführen sei. Ausländische Kunden hätten vermehrt Chemie- und Elektroprodukte bestellt, um Lieferengpässen vorzubeugen, was kein Zeichen für eine dauerhafte Erholung sei.
Die Bundesbank erwartet für das dritte Quartal 2026 lediglich ein leichtes saisonbereinigtes Wachstum. Bremsfaktoren seien hier unter anderem das Niedrigwasser am Rhein sowie die schwache Industrieproduktion im Juli.
Wachsender Druck durch Insolvenzen und globalen Wettbewerb
Die wirtschaftliche Lage spiegelt sich auch in der Entwicklung der Unternehmenszahlen wider. Laut Daten von Destatis und CRIF wird für das Gesamtjahr 2026 mit bis zu 26.000 Insolvenzen gerechnet. Im September 2026 gelten über 320.000 Unternehmen als insolvenzgefährdet, wobei die Gastronomie und der Kfz-Handel besonders hohe Risiken aufweisen.
Zusätzlicher Druck entsteht durch die internationale Konkurrenz. Eine Sonderumfrage des DIHK zeigt, dass zwei Drittel der deutschen Unternehmen wachsende Konkurrenz aus China spüren. In der Industrie liegt dieser Wert sogar bei 83 Prozent.
Als Reaktion darauf setzen 60 Prozent der Betriebe auf Produktinnovationen und die Hälfte auf Kostensenkungen. Ein Rückzug aus den betroffenen Geschäftsfeldern wird jedoch von 88 Prozent der Unternehmen ausgeschlossen.
