Betriebliches Gesundheitsmanagement: Unternehmen investieren massiv in Mitarbeiter-Gesundheit
25.05.2026 - 06:22:25 | boerse-global.de
Aktuelle Stellenanzeigen Ende Mai 2026 zeigen: Unternehmen aller Branchen investieren in die Gesundheit ihrer Belegschaft – um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und die Produktivität zu sichern.
Berlin als BGM-Hochburg: 27 offene Stellen
Der Stellenmarkt für BGM-Experten ist zweigeteilt. Während Ballungsräume boomen, sehen ländliche Regionen oft alt aus. In Berlin waren am 24. Mai 2026 insgesamt 27 dedizierte Stellen im Gesundheitsmanagement ausgeschrieben.
Das Spektrum reicht von Werkstudenten-Positionen bei der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) bis zu Spezialistenrollen bei Infrastrukturunternehmen wie der 50Hertz Transmission GmbH. Auch die TÜV Rheinland Group sucht verstärkt Arbeitsmediziner.
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Ein Blick in die Schweiz zeigt die Internationalisierung des Berufsfelds. Die Gesundheitsorganisation SWICA – mit 1,3 Millionen Versicherten und über 26.000 Unternehmenskunden – sucht in Winterthur einen BGM-Spezialisten in Teilzeit. Die Aufgaben: strategische Weiterentwicklung des BGM und datenbasierte Steuerung von Präventionsmaßnahmen.
Anders sieht es in Zwickau aus. Hier fanden sich in den letzten Tagen keine passenden Stellenangebote. Bewerber müssen auf Leipzig ausweichen, wo The Rybaks Gesundheitsberater sucht, oder nach Schwarzenbach an der Saale zum Eisenwerk Martinlamitz. Auch clever fit in Halle (Saale) sucht duale Studenten im Gesundheitsmanagement – ein Zeichen für die Verzahnung von Prävention und Fitnesswirtschaft.
Benefits als Unternehmenskultur
Gesundheitsmanagement ist längst kein reiner Kostenfaktor mehr. Unternehmen begreifen es als strategischen Vorteil.
Auf dem New Work Summit in Berlin am 23. Mai 2026 betonte Sandra Strauss, Personalchefin beim Urban Sports Club: „Benefits können kein Gehalt ersetzen, aber sie sollten ein wesentlicher Teil der Unternehmenskultur sein.“ Entscheidend sei, dass Führungskräfte diese Angebote selbst vorleben.
Die Surteco Group SE mit rund 2.000 Mitarbeitern setzt auf die Lösung easyBKV Premium von Betriebskranken.de. Das Modell ermöglicht gesetzlich versicherten Beschäftigten in Betrieben ab zehn Mitarbeitern einen Privatpatienten-Status – ohne Gesundheitsprüfung oder Wartezeiten.
Daneben steht Arbeitgebern ein breites Portfolio steuerfreier Leistungen zur Verfügung: Zuschüsse zur betrieblichen Altersvorsorge, Fitness-Angebote, Fahrräder, Jobtickets oder Erholungsbeihilfen. Auch Obst, Getränke oder Smartphones können unter bestimmten Bedingungen steuerfrei bleiben. Diese „Gehaltsextras“ werden vermehrt zur Mitarbeiterbindung eingesetzt.
Neue Rechtslage: Diskriminierung und Arbeitszeiterfassung
Das Berufsfeld wird massiv durch Gesetzgebung und Rechtsprechung beeinflusst. Ein wegweisendes Urteil des Obersten Gerichtshofs (OGH) in Österreich (GZ 8 ObA 42/25x) zeigt die Risiken bei Beförderungsentscheidungen.
Das Gericht entschied: Die undifferenzierte Berücksichtigung behinderungsbedingter Krankenstände bei der Ablehnung einer Beförderung kann eine mittelbare Diskriminierung darstellen. Der Behinderungsbegriff sei funktionsbezogen und nicht diagnosebezogen auszulegen. Das erhöht den Dokumentationsaufwand für BGM-Spezialisten erheblich.
In Deutschland wirft das geplante GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz seine Schatten voraus. Ab dem 1. Januar 2027 soll eine neue Regelung zur Teilkrankschreibung (§ 44c SGB V) in Kraft treten. Arbeitgeber erhalten dann einen Zustimmungsvorbehalt. Kritiker befürchten, dass der Sonderschutz für Schwerbehinderte entfallen könnte.
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Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat zudem die Anforderungen an Klagen zur Entgeltgleichheit präzisiert. Klägerinnen müssen ihren konkreten Arbeitszeitumfang und die Gleichwertigkeit der Arbeit schlüssig darlegen – pauschale Verweise auf Vollzeit reichen nicht mehr.
Auch bei Überstunden zeigt die Rechtsprechung klare Kante: Führen Unternehmen keine Arbeitszeiterfassung, können Arbeitnehmer Überstunden auf Basis privater Aufzeichnungen einklagen. Ein aktueller Fall einer Lageristin sprach eine Nachzahlung von rund 50.000 Euro zu.
Qualifizierung und staatliche Förderung
Zertifizierte Weiterbildungen gewinnen an Bedeutung. Die DEKRA Akademie bietet Schulungen für Sicherheitsbeauftragte mit speziellem BGM-Modul an. Die Kurse kombinieren E-Learning mit Live-Online-Trainings und vermitteln die rechtlichen Grundlagen nach SGB VII und DGUV-Vorschriften.
Auch staatliche Auszeichnungen fördern die Professionalisierung. In Hessen startete Anfang des Jahres die Bewerbungsphase für den „active2work Award 2026“. Die Verleihung durch Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori ist für den 24. Juni 2026 im Rahmen der EUROBIKE in Frankfurt geplant.
In Österreich wurden bereits am 10. März 2026 insgesamt 48 Tiroler Betriebe mit dem BGF-Gütesiegel der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) geehrt. Bundesweit profitieren über 740.000 Beschäftigte in mehr als 2.700 Unternehmen von betrieblicher Gesundheitsförderung.
BGM als Antwort auf den demografischen Wandel
Die Entwicklungen zeigen: Betriebliches Gesundheitsmanagement hat den Status einer rein freiwilligen Sozialleistung verlassen. In Zeiten des demografischen Wandels und einer alternden Erwerbsbevölkerung wird die Erhaltung der Arbeitskraft zum kritischen Erfolgsfaktor.
Die rechtlichen Verschärfungen zwingen Unternehmen zu höherer Professionalität. Wer kein funktionierendes BGM und keine saubere Dokumentation der Arbeitszeiten vorweisen kann, riskiert hohe Nachzahlungen und rechtliche Auseinandersetzungen bei Beförderungen oder Kündigungen.
Die Rolle des BGM-Managers wandelt sich vom „Wohlfühl-Beauftragten“ zum strategischen Berater an der Schnittstelle zwischen Personalwesen, Recht und Arbeitssicherheit.
Besonders die Diskussion um Künstliche Intelligenz am Arbeitsplatz zeigt neue Herausforderungen. KI-Systeme bei Bewerbungsprozessen könnten Menschen mit Behinderungen diskriminieren – hier ist die Expertise von Gesundheitsmanagern gefragt, um Barrierefreiheit und Fairness in digitalisierten Prozessen sicherzustellen.
Ausblick: Teilkrankschreibung ab 2027
Für das kommende Jahr sind weitere tiefgreifende Veränderungen zu erwarten. Die Neuregelungen zur Teilkrankschreibung werden die Kooperation zwischen Arbeitgebern, Krankenkassen und Beschäftigten bei der Wiedereingliederung auf eine neue rechtliche Basis stellen.
Die Deutsche Rentenversicherung Nord bietet bereits kostenlose Beratungen zum „RV Fit-Präventionsprogramm“ und zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) an. Der Bedarf an solchen Wegweiserfunktionen wird weiter steigen.
Die Verknüpfung von Mobilität, wie beim active2work Award thematisiert, und klassischer Gesundheitsförderung deutet darauf hin: BGM wird künftig noch stärker ökologische und infrastrukturelle Aspekte integrieren. Unternehmen, die jetzt die entsprechenden Fachkräfte einstellen und ihre Strategien anpassen, dürften langfristig von stabileren Belegschaften und höherer Arbeitgeberattraktivität profitieren.
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