Belgien, Eintägige

Belgien: Eintägige Krankmeldungen steigen nach Attest-Ausnahme um 54 Prozent

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 19:02 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Zahl eintägiger Krankheitsabwesenheiten nahm in Belgien zu; die Studienautoren sehen darin keinen Beleg für systematischen Missbrauch.
Ein verwaistes, modernes Büro mit leeren Arbeitsplätzen und natürlichem Lichteinfall in einem Firmengebäude. Illustration mit AI erstellt.

Seit dem Wegfall der Pflicht zur Vorlage eines ärztlichen Attests für einen einzelnen Krankheitstag sind die eintägigen Fehlzeiten in Belgien deutlich angestiegen. Dies geht aus einer gemeinsamen Untersuchung des Personaldienstleisters Securex mit der KU Leuven und der Université libre de Bruxelles (ULB) hervor.

Die Studienautoren werten die Entwicklung vor allem als Ausdruck eines veränderten Verhaltens, bei dem Beschäftigte bei Unwohlsein eher einen Tag ruhen statt krank zur Arbeit zu gehen, und sehen darin keine Belege für systematischen Missbrauch.

Deutlicher Anstieg bei eintägigen Abwesenheiten

Nach Erhebungen von Securex stiegen die Meldungen über eintägige Krankheiten im Zeitraum von 2021 bis 2024 um 54 Prozent. In belgischen Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten dürfen Angestellte seit einer Reform der Regierung De Croo von Ende 2022 ohne ärztliche Bescheinigung fehlen. Seit dem 1. Januar ist dies bis zu zwei Mal pro Jahr möglich, zuvor galt eine Obergrenze von drei Mal.

Die Impact-Analyse von Securex, an der unter anderem Philip Verwimp sowie das HIVA-Institut der KU Leuven beteiligt waren, belegt diesen Trend anhand konkreter Kennzahlen. In Betrieben mit mindestens 50 Beschäftigten stieg die Zahl der eintägigen Krankheitsabsenzen pro Arbeitnehmer von 0,22 im Jahr 2021 auf 0,42 im Jahr 2024. Der Zuwachs setzte 2023 ein und fiel 2024 noch deutlicher aus.

Anzeige

Wer sich mit dem Thema AU-Regelungen und Krankmeldungen befasst, muss auch die künftigen gesetzlichen Rahmenbedingungen im Blick behalten. Dieser kostenlose PDF-Guide zeigt, worauf Arbeitgeber bei den neuen Arbeitsrecht-Regeln jetzt achten müssen. Neue Arbeitsrecht-Regeln 2026: So bereiten Sie Ihre HR-Prozesse rechtzeitig vor

In kleineren Betrieben, für die weiterhin eine Attestpflicht gilt, stieg der Wert lediglich von 0,17 auf 0,25. Krankschreibungen mit einer Dauer von zwei bis fünf Tagen blieben im selben Zeitraum stabil.

Auch die gesamte Kurzzeit-Absentismusquote von bis zu einem Monat wies keine statistisch signifikante Veränderung auf, wenngleich Arbeitgeber über organisatorische Mehrkosten und zusätzliche Verwaltungslast berichten.

Kontroverse zwischen Arbeitgebervertretern und Arbeitsmedizinern

Heidi Verlinden von Securex betonte, dass der statistische Anstieg nicht zwingend auf Missbrauch hindeute. Vielmehr könnten rechtzeitige Ruhephasen bei akuter Müdigkeit oder Belastung langfristig dazu beitragen, schwerere Langzeiterkrankungen zu verhindern.

In Wirtschaft und Politik stößt das Modell dennoch auf scharfe Kritik. Der Arbeitsökonom Stijn Baert von der Universität Gent vermutet hinter den Ausfällen vor allem unberechtigte Fehlzeiten und fordert ebenso wie der Chef des flämischen Arbeitgeberverbands Voka, Frank Beckx, die Abschaffung der Ausnahmeregelung. Der N-VA-Fraktionsvorsitzende Axel Ronse legte hierzu bereits einen parlamentarischen Vorschlag vor.

Anzeige

Neben den Regelungen zur Arbeitsunfähigkeit stehen viele HR-Abteilungen vor der Herausforderung, auch andere zentrale Themen wie Befristungen und Minijobs rechtssicher zu verwalten. Dieser kostenlose Download deckt die wichtigsten Änderungen bei AU, KI-Mitbestimmung und Bürokratieabbau auf. Was das Reformpaket 2027 für Arbeitgeber wirklich bedeutet

Gegensätzliche Debatte über die Attestpflicht in Deutschland

Während in Belgien über die Rückkehr zur Attestpflicht für Einzeltage debattiert wird, steht in Deutschland eine Verschärfung im Raum. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas sprach sich zwar inhaltlich gegen eine generelle Pflicht zur Krankschreibung ab dem ersten Tag aus, stimmte einem entsprechenden Vorhaben im Rahmen von Koalitionsverhandlungen jedoch zu, um weitergehende Forderungen der Union nach Karenztagen und Kürzungen bei der Entgeltfortzahlung abzuwenden.

Die Ministerin äußerte die Sorge, dass Arztbesuche wegen leichter Infekte am ersten Krankheitstag häufiger zu vollen Wochenkrankschreibungen führen könnten. Die Neuregelung ist Teil eines Gesamtpakets mit Termingarantien und Schlaganfallvorsorge, dessen Umsetzung bis zum Jahresende geplant ist.

Bislang erlaubt das deutsche Entgeltfortzahlungsgesetz bis zu drei Kalendertage Abwesenheit ohne Attest, sofern der Arbeitgeber keine abweichende Vereinbarung trifft. Schätzungsweise 45 bis 55 Prozent der deutschen Betriebe verlangen bereits jetzt ab dem ersten Ausfalltag eine Bescheinigung. Zudem beschloss der Bundestag am 15. Oktober 2026, die Einführung einer gestaffelten Teilarbeitsunfähigkeit auf den 1. Juli 2028 zu verschieben.

Disclaimer...
de | wirtschaft | 70376377 |