Avellino-Urteil, Kontrollbericht

Avellino-Urteil: Ärztlicher Kontrollbericht beweist keine Abwesenheit

Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 12:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Gericht in Avellino hob eine Sanktion auf, weil der Beschäftigte seine Anwesenheit trotz fehlerhafter Adresssuche belegen konnte.
Eine moderne Wohnhausfassade mit einer schlichten Türklingel und einem Namensschild an einer Steinwand. Illustration mit AI erstellt.

Ein Urteil des italienischen Arbeitsgerichts in Avellino stärkt die Rechte von Beschäftigten bei behördlichen Kontrollbesuchen während einer Krankschreibung. Das Tribunale di Avellino entschied mit Urteil Nr. 1037 vom 14. September 2026 zugunsten eines Schulmitarbeiters, gegen den nach einer fehlgeschlagenen Kontrolle ein Disziplinarverfahren wegen unentschuldigten Fehlens eingeleitet worden war.

Urteil stellt Beweiswert ärztlicher Kontrollberichte klar

Der betroffene Mitarbeiter war im November 2023 wegen einer Grippe arbeitsunfähig gemeldet. Ein Kontrollarzt des italienischen Sozialversicherungsträgers INPS vermerkte bei seinem Besuch den Status unbekannt und nicht auffindbar. Daraufhin leitete die Schulleitung Disziplinarmaßnahmen wegen unentschuldigter Abwesenheit ein und behielt Teile der Vergütung ein.

Vor Gericht machte der Beschäftigte geltend, dass der Arzt aufgrund eines GPS-Fehlers von rund 500 Metern an der falschen Adresse gesucht habe. Er forderte die vollständige Aufhebung der Disziplinarmaßnahme sowie die Rückzahlung von 209,40 Euro an einbehaltenem Gehalt. Das Gericht gab der Klage statt.

Zwar verlangen die Kontrollpflichten während der gesetzlichen Präsenzzeiten von 10:00 bis 12:00 Uhr sowie von 17:00 bis 19:00 Uhr – die auch an Wochenenden und Feiertagen gelten – eine zumutbare Mitwirkung wie die Angabe der korrekten Adresse, ein lesbares Klingelschild und eine funktionierende Klingel.

Das Protokoll des Arztes gilt nach Artikel 2700 des Codice civile als öffentliche Urkunde allerdings nur für dessen eigene unmittelbare Wahrnehmungen als Beweis, nicht für seine Schlussfolgerungen. Da der Arbeitnehmer seine tatsächliche Anwesenheit anhand konkreter Nachweise belegen konnte, durfte die Abwesenheit nicht als Pflichtverletzung gewertet werden.

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Meldepflichten und Kontrollen im europäischen Vergleich

Die Nachweispflichten bei krankheitsbedingter Arbeitsabwesenheit beschäftigen Arbeitsgerichte und Behörden auch in anderen Ländern. In Polen etwa verlangt das Recht bei einer Krankschreibung über das System L4, dass Arbeitnehmer einen Wechsel des Aufenthaltsorts binnen drei Tagen ab der Änderung dem Arbeitgeber und dem Sozialversicherungsträger ZUS melden. Die Übermittlung kann über die Plattform eZUS, per Telefon, E-Mail oder per Post erfolgen, wobei das Datum der Postaufgabe maßgeblich ist.

Bei einer Kontrolle durch die ZUS oder den Arbeitgeber – Letzterer darf dies nur bei mehr als 20 gemeldeten Beschäftigten durchführen – begründet eine bloße Abwesenheit zum Kontrollzeitpunkt noch keine automatische Kürzung.

Eine verspätete oder fehlende Meldung allein führt nicht unmittelbar zum Verlust von Krankengeld oder Lohnfortzahlung, sofern keine weiteren Verstöße vorliegen. Dies verdeutlicht ein Praxisbeispiel der ZUS: Bei einer Krankschreibung vom 8. bis 30. Juni, einem Umzug am 9. Juni, einer Kontrolle am 10. Juni und einer Meldung am 12. Juni, die am 15. Juni einging, galt die Frist als gewahrt.

Verweigert ein Beschäftigter hingegen die Aufklärung oder wird eine Erwerbstätigkeit nachgewiesen, droht der Verlust des Anspruchs für den gesamten Kontrollzeitraum sowie eine Rückforderung der Gelder.

Diskussion über Fehlzeiten und Telekonsultationen

Hintergrund der strengen Kontrollpraxis ist das wachsende Augenmerk auf auffällige Ausfallmuster. Nach Erhebungen des Barometr Absencji Chorobowej 2025 entfallen 23,6 Prozent aller eintägigen Krankschreibungen auf Freitage und 20,5 Prozent auf Montage, womit diese beiden Tage zusammen über 44 Prozent ausmachen.

Miko?aj Zaj?c vom Beratungsunternehmen Conperio sieht die zunehmende Verfügbarkeit von Telekonsultationen, insbesondere an Wochenenden, als begünstigenden Faktor für strategische Fehlzeiten rund um freie Tage und Brückentage.

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Als Gegenmaßnahmen greifen Betriebe und Träger zu Kontrollen am im elektronischen Attest angegebenen Aufenthaltsort oder nutzen Antragsverfahren zur Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Bescheinigung.

Bei nachgewiesenem Missbrauch drohen gravierende Konsequenzen, die vom Verlust des Krankengeldes über eine ordentliche Kündigung wegen Betriebsstörung bis hin zur fristlosen Kündigung nach Artikel 52 des polnischen Arbeitsgesetzbuchs reichen. Zugleich setzen Unternehmen vermehrt auf Anwesenheitsprämien und flexible Arbeitszeitmodelle, um Fehlzeiten vorzubeugen.

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