Attestpflicht ab Tag eins: 59 Prozent der Deutschen lehnen ab
06.07.2026 - 02:48:48 | boerse-global.de
Die geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag stößt auf breite Kritik. Ärzteverbände, Krankenkassen und Ökonomen warnen vor einer Überlastung der Praxen.
Die Koalition aus Union und SPD einigte sich im Koalitionsausschuss auf eine weitreichende Reform. Kernpunkte: Die telefonische Krankschreibung fällt weg. Stattdessen wird ein ärztliches Attest ab dem ersten Tag der Erkrankung Pflicht. Bisher war das meist erst ab dem vierten Tag nötig.
Medizinische Verbände warnen vor Praxis-Kollaps
Der Hausärzteverband reagierte mit deutlicher Ablehnung. Die Vorsitzende Nicola Buhlinger-Göpfarth bezeichnete die Reform als reine Symbolpolitik. Nach Einschätzung des Verbandes drohen mindestens 30 Millionen zusätzliche Praxisbesuche pro Jahr. Sie forderte stattdessen, den Wildwuchs bei kommerziellen Videosprechstunden-Plattformen zu stoppen.
Auch der Chef der DAK-Gesundheit, Andreas Storm, warnte vor überfüllten Wartezimmern. Er schlug das skandinavische Modell einer Teilkrankschreibung vor. Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Stefan Schwartze (SPD), sieht ein erhöhtes Ansteckungsrisiko. Leicht Erkrankte müssten sich für ein Attest in volle Wartezimmer begeben.
Ökonomen bezweifeln Rückgang des Krankenstandes
Wirtschaftsexperten haben erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit der Maßnahmen. Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erklärte: Die telefonische Krankschreibung mache nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen aus. Sie sei nicht für die hohen Fehlzeiten verantwortlich.
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Analysen zeigen: Der Anstieg der Krankentage – von durchschnittlich 18 Tagen im Jahr 2016 auf 22 Tage – liegt vor allem an der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) seit 2022. Diese sorgt für eine lückenlose statistische Erfassung. Zudem verursachen Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen rund 40 Prozent aller Fehltage. Graeber warnte auch vor Präsentismus: Arbeitnehmer könnten aus Angst vor Bürokratie krank zur Arbeit erscheinen und Kollegen anstecken.
Politische Debatte innerhalb der Koalition
Das Vorhaben ist in der Regierung nicht unumstritten. Bundeskanzler Friedrich Merz verteidigte die Pläne und betonese: Die Rückkehr zu Regeln aus den 1990er-Jahren sei notwendig. Unionsfraktionschef Jens Spahn bezeichnete die Attestpflicht ab Tag eins als fairer gegenüber den Kollegen im Betrieb.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf räumte ein, dass die Entscheidung in der Partei für Unmut sorgt. Er bezeichnete den Beschluss jedoch als das kleinere Übel im Vergleich zu einem diskutierten Karenztag. Die Grünen kritisierten scharf: Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause warf der Regierung vor, Arbeitnehmer unter Generalverdacht zu stellen.
Rechtliche Auswirkungen und gesellschaftliche Akzeptanz
Arbeitsrechtler wiesen darauf hin: Bestehende Arbeitsverträge, die ein Attest erst nach drei Tagen vorsehen, könnten durch das Günstigkeitsprinzip geschützt sein. Individuelle Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern blieben weiterhin möglich.
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Die gesellschaftliche Akzeptanz ist gering. Laut einer YouGov-Umfrage lehnen 59 Prozent der Befragten die Attestpflicht ab dem ersten Tag ab. Eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung sehen 58 Prozent kritisch. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger begrüßte die Reform. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) warnte dagegen vor einer unnötigen Belastung der Beschäftigten und der medizinischen Infrastruktur.
