ASIEN-TRENDS-KOLUMNE: China ist nicht tot zu kriegen
Veröffentlicht: 12.11.2008 um 17:33 Uhr, Redaktion AD HOC NEWS, Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller (Chefredaktion)
Die chinesischen Behörden haben in den letzten Tagen neue Wirtschaftsdaten veröffentlicht. Wir halten diese Daten für enorm aufschlussreich. Schließlich hat die Finanzpresse die Daten größtenteils zum Anlass genommen, um wieder einmal den Teufel an die Wand zu malen. Einmal mehr ist von schweren Problemen die Rede, die da unweigerlich auf China zukommen würden.
Uns überrascht diese Reaktion nicht im Geringsten. Schließlich leben wir in wirtschaftlich angespannten Zeiten, und Schwarzmalerei hat zurzeit Hochkonjunktur. Nur wenige bringen in solchen Zeiten den Mut auf, die Fakten unvoreingenommen zu betrachten und zu bewerten. Dies sollte man aber tun, wenn man am Aktienmarkt langfristig erfolgreich agieren will.
Beginnen wir mit den Zahlen zur Handelsbilanz: Chinas Exporte sind im Oktober gegenüber dem Vorjahr um 19,2 Prozent gestiegen. Das Reich der Mitte hat damit in einem absoluten Krisenmonat Waren und Grundstoffe im Wert von 128 Milliarden Dollar ausgeführt. Der Anstieg lag deutlich oberhalb dessen, was die meisten Bankvolkswirte erwartet hatten.
In der Tat hat sich damit auch Chinas Exportwachstum verlangsamt. Im September hat es nämlich noch bei 21,5 Prozent gelegen. Wir sollten diesen leichten Rückgang allerdings vor dem Hintergrund sehen, dass viele Volkswirte bereits vor einem halben Jahr ein Schreckensszenario für Chinas Exportwirtschaft prognostiziert hatten. Außerdem müssen wir uns vor Augen halten, dass dieses Wachstum zu einer Zeit stattgefunden hat, in der sich sowohl die USA als auch Japan und halb Europa bereits in einer Rezession befunden haben dürften.
Chinas Importe wiederum sind „nur“ um 15,6 Prozent gestiegen. Im September lag der Anstieg der Einfuhren noch bei 21,3 Prozent. Dieser Rückgang liegt sicherlich teilweise daran, dass auch Chinas Binnenkonjunktur nicht mehr so boomt wie bisher. Teilweise sind aber auch einfach nur die Preise für Rohstoffeinfuhren zurückgegangen. Wir dürfen nicht vergessen, dass sich etwa die Notierungen für Rohöl seit Juli mehr als halbiert haben. Für die chinesische Volkswirtschaft, die stark von Rohstoffimporten abhängig ist, ist diese Entwicklung im Grunde positiv zu sehen.
Die Handelsbilanz Chinas sah dementsprechend im Oktober besser denn je aus. Der Handelsbilanzüberschuss erreichte mit 35,2 Milliarden Dollar einen neuen Rekordwert, und lag gleichzeitig deutlich über dem Septemberwert von 29,3 Milliarden Dollar. China sammelt damit weiterhin Monat für Monat gewaltige Devisenreserven an. Diese können verwandt werden für künftige Rohstoffkäufe, für Auslandsinvestment, aber auch für Programme zur Stützung der Binnenkonjunktur.
Fast noch bedeutsamer als die bestechenden Exportdaten sind die neuen Inflationsdaten Chinas. So sind die Verbraucherpreise im Oktober im Jahresvergleich nur noch um 4 Prozent gestiegen. Im September hatte der Anstieg bei 4,6 Prozent gelegen; im Februar war noch ein Spitzenwert von 8,7 Prozent erreicht worden. Wir von ASIEN-TRENDS haben bereits vor einem halben Jahr prognostiziert, dass die Inflation in China bald kaum noch eine Rolle spielen werde. Dies ist jetzt so eingetroffen.
Die sinkende Inflation verschafft der chinesischen Wirtschaftspolitik viele neue Möglichkeiten. Sie hat jetzt wieder Spielräume für Leitzinssenkungen, die die Binnenkonjunktur stimulieren können. Sie kann die Restriktionen für die Kreditvergabe aufheben, die sie Anfang dieses Jahres eingeführt hatte, um das Geldmengenwachstum und damit das Wachstum allgemein zu dämpfen.
Wir erinnern uns: China hat bereits seit Mitte 1997 mit voller Absicht versucht, das Wirtschaftswachstum zu drosseln, um damit eine Überhitzung zu verhindern. Mittlerweile ist beispielsweise der Immobilienmarkt merklich abgekühlt; und auch bei der Autonachfrage herrscht inzwischen eine gewisse Zurückhaltung vor. Dies alles ist aber keine dramatische Entwicklung, sondern war politisch durchaus beabsichtigt. China hat äußerst gute Chancen, demnächst mit Erfolg eine sanfte Landung zu bewerkstelligen – und wäre damit dann dem Rest der Welt wieder einmal deutlich voraus.
Hält man sich die Hiobsbotschaften vor Augen, die derzeit aus aller Herren Länder kommen, dann kann man China zu seinen Wachstumsdaten nur beglückwünschen. Das einzige, das in China wirklich eingebrochen ist, ist der Aktienmarkt – der liegt in der Tat am Boden. Als Investor sollte man sich immer die einzigartigen Möglichkeiten vor Augen halten, die sich aus dieser Konstellation ergeben – auch wenn sich das Marktumfeld dort noch nicht wirklich beruhigt hat.
China ist der neue Wachstumsmotor des asiatischen Kontinents. Dieser Motor mag etwas ins Stottern geraten sein – was in solchen Zeiten nicht ausbleibt. Dennoch ist es der globalen Wachstumskrise nicht gelungen, den Motor abzuwürgen. China ist nicht totzukriegen. Mit China werden auch die übrigen asiatischen Volkswirtschaften in den kommenden Jahrzehnten deutlich stärker wachsen als der Rest der Welt. Anleger, die in den nächsten Jahren überdurchschnittliche Renditen erzielen wollen, sollten dies bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.
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